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Sierich und seine Kinder: Eine Familie im Stadtplan Winterhudes

6 Min. Lesezeit · Überarbeitet am 31. August 2026

Historische Ansichtskarte des Winterhuder Kais von 1907

Winterhuder Kai auf einer historischen Ansichtskarte von 1907.

Adolph Sierich hat in Winterhude ein Familienalbum aus Straßenschildern hinterlassen. Dass Sierich selbst, seine Mutter, zwei Ehefrauen, eine Schwägerin und ein Sohn im Stadtplan stehen, war kein bloßer Ausdruck familiärer Zuneigung. Die Namen zeigen, wie privater Grundbesitz Stadtgestalt und öffentliches Erinnern dauerhaft prägen konnte.

Als Winterhude noch ein Dorf war

Im frühen 19. Jahrhundert war Winterhude noch keine dicht bebaute Fortsetzung Hamburgs. Das alte Dorf bestand aus wenigen Höfen; Wiesen, feuchte Niederungen und landwirtschaftliche Flächen prägten die Gegend. Die Nähe zur Alster machte das Gebiet reizvoll, doch für eine städtische Bebauung mussten Wege, Entwässerung und Grundstücksgrenzen erst geschaffen werden.

1839 erwarb der Hamburger Goldschmied Johann Friedrich Bernhard Sierich einen Winterhuder Vollhof und später weitere Ländereien. Nach seinem Tod im Jahr 1850 übernahm sein Sohn Adolph den Besitz. Auch Adolph Sierich hatte das Goldschmiedehandwerk gelernt. Sein eigentliches Vermögen entstand jedoch aus Grund und Boden.

1854 kaufte er eine weitere Hofstelle am Krohnskamp an der Barmbeker Straße. Dort ließ er die später sogenannte Sierich-Villa, große Scheunen und Katen errichten. Die Villa überdauerte die Umgestaltung Winterhudes lange, wurde aber 1957 abgebrochen.

Wie aus Boden ein Stadtquartier wurde

Adolph Sierich vergrößerte den geerbten Besitz erheblich. Nach der städtebaugeschichtlichen Untersuchung des Bezirksamts Hamburg-Nord war er ab 1864 der größte Grundeigentümer Winterhudes. Seine Flächen reichten schließlich von der Hudtwalckerstraße bis zur Fernsicht.

Damit aus feuchtem Gelände verkäufliches Bauland werden konnte, ließ Sierich Straßen und Brücken anlegen, Wasserläufe ausbauen und Grundstücke parzellieren. Zu den Anlagen, die mit der Erschließung des Gebiets verbunden sind, zählen Leinpfadkanal, Rondeelteich, Rondeelkanal, Mühlenkampkanal und Teile des Goldbekkanals. Die Kanäle dienten der Entwässerung und eröffneten zugleich Transportwege für Gewerbe und Industrie.

Bereits in den 1850er-Jahren begann der Verkauf einzelner Grundstücke. Die Bebauung zog sich danach über Jahrzehnte hin und war um 1914 weitgehend abgeschlossen. Das heutige Straßenraster ist deshalb weniger das Ergebnis eines einzigen staatlichen Gesamtplans als das bleibende Gerüst einer privaten Bodenentwicklung. Infrastruktur steigerte den Wert der Parzellen; die Parzellierung wiederum bestimmte, wo später gebaut werden konnte.

Nicht ein Mann allein

So prägend Sierich für den alsternahen Norden Winterhudes war, der Stadtteil entstand nicht als Werk eines einzelnen Mannes. Im Süden erschloss der Lotterieunternehmer Julius Gertig weitere Flächen. Er ließ 1859 die Mühlenkampbrücke bauen, profitierte von der beginnenden Alsterschifffahrt und verkaufte ebenfalls Grundstücke an Bauwillige. Später beschleunigten Brücken, Dampfschiffe und die U-Bahn die Verdichtung zusätzlich.

Der Vergleich rückt Sierichs Rolle zurecht: Er war kein allmächtiger Stadtgründer, sondern einer von mehreren privaten Unternehmern, die auf Wohnraummangel, bessere Verkehrsverbindungen und steigende Bodenwerte reagierten. Ungewöhnlich dauerhaft ist vor allem, wie sichtbar sein Name und seine Familie geblieben sind.

Porträt des Winterhuder Grundeigentümers Adolph Sierich
Abbildung 1 Adolph Sierich in den 1880er-Jahren.

Wer durfte sich in den Stadtplan einschreiben?

Die Überschrift „Sierich und seine Kinder“ trifft nur einen Teil der Geschichte. Tatsächlich verewigte Sierich ein ganzes familiäres Umfeld. Mehrere Straßen wurden 1863 oder in den folgenden Jahren benannt:

  • Sierichstraße: Sie trägt seit 1863 den Namen Adolph Sierichs selbst.
  • Dorotheenstraße: Namensgeberin war seine Mutter Anna Dorothea Sierich, geborene Meyer.
  • Maria-Louisen-Straße: Sie erinnert an Maria-Louise Sierich, geborene Lembcke, seine erste Ehefrau. Sie starb 1863.
  • Klärchenstraße: Der Name verweist auf seine zweite Ehefrau Clara, geborene Repsold; „Klärchen“ ist die vertrauliche Form ihres Vornamens.
  • Agnesstraße: Sie wurde nach einer Schwägerin Sierichs benannt.
  • Willistraße: Ihr Name geht auf Sierichs ältesten Sohn zurück.

Diese Benennungen waren kein ungewöhnlicher Zufall. Private Grundeigentümer konnten die Namen neu angelegter Straßen maßgeblich beeinflussen. Das Straßenverzeichnis wurde so zugleich zu einem familiären Erinnerungsalbum – allerdings zu einem, das die Machtverhältnisse seiner Zeit sichtbar macht: Wer Land erschloss und Straßen anlegte, konnte sich und den eigenen Angehörigen dauerhaft Platz im Stadtgedächtnis sichern.

Winterhudes Straßennamen bewahren nicht einfach eine Familie. Sie bewahren die Verfügungsmacht eines Grundeigentümers über den Raum, aus dem ein öffentliches Quartier wurde.

Das Sierichsche Gehölz

Eine weitere Spur liegt heute im Hamburger Stadtpark. Im Norden seines Besitzes ließ Sierich in den 1880er-Jahren Ackerflächen aufforsten und als Jagdgebiet nutzen. 1885 entstand ein Wohnhaus für den Aufseher des Reviers: das Sierichsche Forsthaus, heute an der Otto-Wels-Straße. Der schlichte Putzbau ist das älteste erhaltene Gebäude des Stadtparks.

Das Gehölz war nicht vollkommen abgeschlossen. Nach Darstellungen zur Geschichte des Forsthauses konnten Besucherinnen und Besucher es gegen Gebühr betreten. Nach Sierichs Tod verkauften seine Erben das rund 35 Hektar große Gelände 1901 an die Stadt. Es wurde zum westlichen Teil des späteren Stadtparks, der 1914 eröffnet wurde.

Damit ging eine privat geschaffene Wald- und Jagdfläche in einen öffentlichen Volkspark über. Der Name „Sierichsches Gehölz“ blieb erhalten und erinnert daran, dass der Stadtpark nicht auf einer leeren Fläche entstand, sondern ältere Landschaftsstrukturen einbezog.

Historische Aufnahme einer Landschaft im Hamburger Stadtpark um 1920
Abbildung 2 Der Stadtpark um 1920. Sein westlicher Waldteil ging aus dem früheren Sierichschen Gehölz hervor.

Vom privaten Besitz zum Hamburger Stadtteil

Sierich starb 1889, fünf Jahre bevor Winterhude 1894 offiziell zu Hamburg kam. Die großstädtische Bebauung, die er vorbereitet hatte, setzte sich nach seinem Tod fort. Testamentsvollstrecker und andere Investoren führten die Parzellierung weiter; Architekten und Bauherren füllten das Raster mit Etagenhäusern und Villen.

Gerade entlang von Sierichstraße, Dorotheenstraße und Maria-Louisen-Straße lässt sich diese Entwicklung heute noch ablesen. Westlich der Sierichstraße prägen vielerorts Villen und offene Vorgärten das Bild, östlich stehen dichtere Mehrfamilienhäuser aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ein großer Teil des Quartiers steht inzwischen unter einer städtebaulichen Erhaltungsverordnung, weil Straßenraum, Parzellenstruktur und Bebauung gemeinsam ein charakteristisches Ensemble bilden.

Die Sierichstraße selbst ist heute eine wichtige Nord-Süd-Verbindung. Bekannt ist sie auch wegen ihrer tageszeitabhängig wechselnden Fahrtrichtung. Diese Verkehrsregel gehört allerdings einer viel späteren Epoche an; mit Sierichs Planung des 19. Jahrhunderts hat sie nur den Straßenverlauf gemeinsam.

Privater Boden, öffentliches Gedächtnis

Adolph Sierich war weder ein moderner Stadtplaner im öffentlichen Auftrag noch lediglich ein wohlhabender Namenspatron. Er handelte als privater Grundeigentümer, der aus Land durch Infrastruktur und Parzellierung wertvolles Bauland machte. Sein wirtschaftliches Interesse und die städtebauliche Entwicklung Winterhudes gingen dabei Hand in Hand.

Das Ergebnis prägt den Stadtteil bis heute: Kanäle strukturieren das Viertel, Straßen folgen dem damaligen Erschließungsmuster, Familiennamen stehen auf blauen Schildern und ein ehemaliges Jagdgehölz ist Teil eines öffentlichen Parks. Wer durch Winterhude spaziert, bewegt sich damit durch eine Landschaft, in der private Familiengeschichte und Hamburger Stadtgeschichte ungewöhnlich eng miteinander verschränkt sind.

Bildnachweise

  • Beitragsbild: Winterhuder Kai, Ansichtskarte, 1907. Verlag Knackstedt & Näther, Sammlung Zeno.org, über Wikimedia Commons. Dort als gemeinfrei ausgewiesen (PD-Art-Zeno).
  • Abbildung 1: Fotograf unbekannt, 1880er-Jahre; Archiv der Familie Sierich. Wikimedia Commons, gemeinfrei (Public Domain).
  • Abbildung 2: Carl Dransfeld, um 1920. Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Nachlass Fritz Schumacher; Wikimedia Commons, gemeinfrei (Public Domain).

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