Anita Rée hält eine Hand an die Wange, die andere liegt auf ihrer Schulter. Ihr Blick geht aus dem Bild heraus. Das Selbstbildnis von 1930 gehört zum Bestand der Hamburger Kunsthalle. Dass es dort erhalten ist, hat mit einer Entscheidung zu tun, die sieben Jahre nach seiner Entstehung fiel: Der Werkmeister Wilhelm Werner versteckte Gemälde der Malerin vor den nationalsozialistischen Beschlagnahmungen.
Warum sind diese Bilder heute noch in der Kunsthalle? Die Frage führt vom erhaltenen Werk zu einem Eingriff in die öffentliche Sammlung – und zu einem Mitarbeiter, der verhindern konnte, dass sieben Gemälde aus Hamburg fortgeschafft wurden.

Anita Rée und die Hamburger Moderne
Anita Rée gehörte 1919 zu den Mitbegründerinnen und Mitbegründern der Hamburgischen Sezession. Die Künstlervereinigung zeigte in regelmäßigen Ausstellungen neue Arbeiten ihrer Mitglieder. Rée hatte ihre Ausbildung bei Arthur Siebelist begonnen und sich 1912/13 in Paris mit der modernen Malerei beschäftigt. Von 1922 bis 1925 lebte sie in Positano. Dort entwickelte sie, auch unter dem Eindruck italienischer Renaissancekunst, ihre eigene Form der Neuen Sachlichkeit: mit klaren Konturen, sorgfältig aufgebauten Bildräumen und glatten Farbflächen.
Nach ihrer Rückkehr machte eine Ausstellung bei Commeter sie 1926 in Hamburg bekannt. Sie erhielt Porträtaufträge und malte für zwei Hamburger Schulneubauten: 1929 an der Uferstraße und 1931 an der Caspar-Voght-Straße. Ihre Kunst war damit auch im Alltag der Stadt präsent. Die hier gezeigten Werke, das Selbstbildnis und die weißen Bäume von Positano, stehen für zwei Schwerpunkte ihres Schaffens: Menschenbilder und Landschaften.
Rée stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie und war evangelisch erzogen worden. Dennoch wurde sie wegen ihrer Herkunft antisemitisch angefeindet, bereits vor 1933. Die Angriffe richteten sich auch gegen ihre öffentlichen Aufträge. 1932 verließ sie Hamburg und zog nach Sylt. Am 12. Dezember 1933 nahm sie sich in Kampen das Leben. Als Werner ihre Gemälde versteckte, konnte die Künstlerin selbst längst nicht mehr für ihr Werk eintreten.
Als moderne Kunst aus dem Museum entfernt wurde
Unter Direktor Gustav Pauli hatte die Kunsthalle seit 1914 ihre Sammlung moderner Kunst ausgebaut. 1933 entließen ihn die Nationalsozialisten. Vier Jahre später griff das Regime in den Bestand ein: Werke, die es als „entartet“ diffamierte, wurden beschlagnahmt. Nach der heutigen Darstellung der Kunsthalle verlor das Haus dabei fast seinen gesamten Bestand an moderner Malerei.
Die Gefahr für Rées Gemälde entstand damit innerhalb einer Institution, die ihre Arbeiten zuvor erworben hatte. Die Malerin selbst war bereits 1933 gestorben. Werner entzog ihre Bilder im Sommer 1937 dem Zugriff und brachte sie in seiner Wohnung in der Kunsthalle unter.
Ein Handwerker mit Zugang zu den Bildern
Werner trat am 5. Juli 1914 als Hilfsaufseher in die Kunsthalle ein. Er war gelernter Tischler. Später gehörten der Umgang mit den Kunstwerken und ihre Hängung zu seinen Aufgaben; für Künstler fertigte er Rahmen. Bis zu seiner Pensionierung 1952 blieb er Mitarbeiter des Museums.
Seit 1919 begegnete er dort den Künstlern der Hamburgischen Sezession. Er baute Keilrahmen, spannte Leinwände und half beim Ausstellen. Aus der Zusammenarbeit entstanden Freundschaften, unter anderem mit Heinrich Stegemann, Willem Grimm, Fritz Flinte und Eduard Hopf. Die Künstler dankten ihm mit eigenen Arbeiten. Stegemann malte auch Werner und dessen Angehörige.
Seine Arbeit erklärt eine Voraussetzung der Rettung: Werner kannte die Bestände und konnte mit den Bildern umgehen. Er war an ihrer Verpackung und Hängung beteiligt. Diese Aufgaben verschafften ihm Zugang zu den Werken, die er später versteckte.

Vom Depot in die Dienstwohnung
Luckhardt schilderte 2011 im Deutschlandradio den Ablauf: Zwischen den Beschlagnahmeaktionen im Juli und August 1937 habe Werner sieben Rée-Gemälde aus dem Depot genommen. Er habe sie unter dem Bett und in einem Schrank seiner Dienstwohnung versteckt. Nach 1945 brachte er sie zurück; erst seine Frau berichtete im Freundeskreis davon.
Die Wohnung lag im Souterrain des Altbaus. Die Bilder blieben also in dem Gebäude, dessen Bestände durchsucht wurden. Werners private Räume boten ihnen einen Aufbewahrungsort außerhalb des regulären Depots.
Die Berichte über den Ablauf beruhen auf späteren Recherchen und Erinnerungen. Luckhardt sprach mit Angehörigen und wertete die Überlieferung aus; seine Schilderung ist keine Augenzeugenaussage von 1937. Den genauen Rückgabezeitpunkt nennen die Darstellungen unterschiedlich präzise: Während das Interview bei „nach 1945“ bleibt, gibt der Ausstellungskatalog Kultur unter Kontrolle von 2026 das Jahr 1947 an. Ein einzelner Aktenbeleg wird auf der betreffenden Katalogseite nicht ausgewiesen.
Gesichert ist die von der Kunsthalle gewürdigte Bewahrung vor der Beschlagnahmung. Was nach einer Beschlagnahmung mit jedem einzelnen Bild geschehen wäre, lässt sich daraus nicht ableiten.
Eine mutige Handlung und eine widersprüchliche Biografie
Werner war NSDAP-Mitglied. Petra Schellen berichtete 2011 in der taz außerdem von einer Fotografie mit einem Hitler-Porträt auf seinem Tisch. Luckhardt datierte den Parteieintritt auf 1937 und erklärte ihn mit Werners Sorge um Arbeitsplatz und Altersversorgung. Auch die Vermutung, das Hitler-Bild habe der Tarnung gedient, stammt von ihm.
Das sind Deutungen seiner Beweggründe. Die Rettung belegt eine konkrete Entscheidung gegen den Zugriff des Regimes; Werners politische Überzeugungen sind damit nicht vollständig erklärt. Ebenso wenig ist eine besonders enge Freundschaft mit Rée als Motiv nachgewiesen. Luckhardt bezeichnete das Verhältnis der beiden gegenüber der taz als ungeklärt.
Zwei Bilder, zwei Wege in den heutigen Bestand
Zur Kunsthalle gehört auch Rées Gemälde Weiße Bäume in Positano von 1925. Helle Baumstämme und kahle Äste stehen vor dicht gestaffelten Häusern. Seine Geschichte unterscheidet sich von der des geretteten Selbstbildnisses: Rée hatte das Positano-Bild dem Ehepaar Ernst und Frieda von der Porten vermacht. Es war zunächst in Privatbesitz.

Das jüdische Ehepaar emigrierte 1938 nach Brüssel. Unter dem Druck der Verfolgung nahmen sich beide 1940 in Frankreich das Leben. Das Gemälde galt lange als verschollen und tauchte 2011 im Kunsthandel wieder auf. 2013 gelangte es in die Kunsthalle. Die Kunsthistorikerin Maike Bruhns hat diesen Weg nachgezeichnet und dabei auch offene Stellen der Provenienz benannt.
Heute gehören beide Bilder zur selben Sammlung. Beim Selbstbildnis führt die Frage nach seinem Erhalt zu Werners Versteck im Museum. Beim Positano-Gemälde führt sie in die Geschichte seiner verfolgten Eigentümer und einer späteren Erwerbung. Der Name der Künstlerin und der heutige Aufbewahrungsort allein erklären diese unterschiedlichen Wege nicht.
Werners eigene Sammlung
Neben den Museumsbildern gab es einen zweiten Bestand: Werners privaten Kunstbesitz. Er umfasste mehr als 500 Werke, darunter große Gruppen von Stegemann und Grimm sowie Arbeiten weiterer Hamburger Künstler.
Luckhardt bezifferte den Bestand auf ungefähr 85 Ölgemälde und zahlreiche Arbeiten auf Papier. Für die Blätter hatte Werner einen Grafikschrank gebaut. Neben Geschenken erwarb er nach 1937 im Rahmen seiner Möglichkeiten Werke bedrängter Künstlerfreunde.
Vom 18. September 2011 bis zum 15. Januar 2012 zeigte die Kunsthalle etwa 130 Arbeiten aus dieser Privatsammlung. Sie dokumentiert Werners Beziehungen zur Hamburger Kunstszene. Die sieben versteckten Rée-Gemälde gehörten dagegen dem Museum.
Was die erhaltenen Bilder über Hamburg zeigen
Nach 1945 musste die Kunsthalle ihre Sammlung moderner Kunst wieder aufbauen. Unter Carl Georg Heise und später Alfred Hentzen wurden Werke erworben, um die Verluste auszugleichen und die Sammlung zu erweitern. Die heutige Präsentation beruht damit auf Bewahrung ebenso wie auf späteren Ankäufen, Schenkungen und Leihgaben.
Werners Eingreifen gehört zu dieser Geschichte. Es bewahrte einen Teil des älteren Bestands, an den das Museum nach dem Krieg wieder anknüpfen konnte. Wer Rées Selbstbildnis betrachtet, sieht ein Werk von 1930, dessen Verbleib in Hamburg auch von der Entscheidung eines Werkmeisters abhing.
Quellen und Literatur
- Hamburger Kunsthalle: Die Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner, Dokumentation der Ausstellung 2011/12.
- Ulrich Luckhardt im Gespräch mit Susanne Führer: Der Hausmeister als Sammler, Deutschlandradio Kultur, 16. September 2011.
- Anette Schneider: Querschnitt durch die Hamburger Kunst, Deutschlandradio Kultur, 18. September 2011.
- Petra Schellen: Der verschwiegene Herr Werner, taz, 27. September 2011; zur Zuordnung des Selbstbildnisses besonders der Schlussabschnitt.
- Hamburger Kunsthalle: Identität?, zum Selbstbildnis von 1930.
- Maike Bruhns: Jüdische Kunst? Anita Rée und die Neue Sachlichkeit, Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 6. Dezember 2016; besonders „Biografie der Malerin“, „Weiße Bäume in Positano: Bildbeschreibung und Rezeption“ und „Der lange Weg bis in die Hamburger Kunsthalle“.
- Gisela Ewe, Sophia Annweiler, Lennart Onken, Alyn Šišić: Kultur unter Kontrolle. Hamburger Kultureinrichtungen und die Kulturverwaltung im Nationalsozialismus, Ausstellungskatalog, Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, 2026, S. 51.
- Hamburger Kunsthalle: This Is the Modern World. Durchbrüche in der Kunst 1900–1960, Presseinformation zur Präsentation 2026/27; Absätze zur Entlassung Paulis, Beschlagnahmung und zum Wiederaufbau der Sammlung.
- Wikipedia: Wilhelm Werner (Kunstsammler), Einleitung: Geburts- und Sterbedatum sowie Orte, geprüft am 20. September 2026.
Onlinequellen geprüft am 20. September 2026. Der Ausstellungskatalog von 2011 und die Bücher zu Rée wurden bibliografisch recherchiert, nicht vollständig eingesehen. Eine vollständige Liste der sieben geretteten Werke mit Inventarnummern ist noch nicht erarbeitet; der Beitrag stellt zwei unterschiedlich überlieferte Gemälde gegenüber.
Bildnachweise
- Beitragsbild: Hamburger Kunsthalle, Aufnahme vom 20. August 2020. Foto: Daperata, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Unbeschnitten; für die Website werden automatisch verkleinerte Bildgrößen erzeugt.
- Abbildung 1: Anita Rée (1885–1933), Selbstbildnis, 1930. Reproduktion: anagoria, Wikimedia Commons. Gemeinfreies Werk; originalgetreue zweidimensionale Reproduktion, bei Commons als Public Domain ausgewiesen. Unbeschnitten; für die Website werden automatisch verkleinerte Bildgrößen erzeugt.
- Abbildung 2: Heinrich Stegemann (1888–1945), Porträt Wilhelm Werner, um 1926. Reproduktion aus Privatbesitz, Fotograf nicht genannt; Wikimedia Commons, ursprüngliche Dateifassung. Gemeinfreies Werk und zweidimensionale Reproduktion, bei Commons als Public Domain ausgewiesen. Unbeschnitten; für die Website werden automatisch verkleinerte Bildgrößen erzeugt.
- Abbildung 3: Anita Rée (1885–1933), Weiße Bäume in Positano, 1925. Reproduktion laut Dateinachweis: Beurret & Bailly, über Wikimedia Commons. Gemeinfreies Werk; originalgetreue zweidimensionale Reproduktion, bei Commons als Public Domain ausgewiesen. Unbeschnitten; für die Website werden automatisch verkleinerte Bildgrößen erzeugt. Datierung nach Maike Bruhns; der Commons-Dateiname nennt einen weiteren Zeitraum.