Zum Inhalt springen

Die Sammlung ohne Haus: Das Naturhistorische Museum Hamburg

15 Min. Lesezeit

Das Naturhistorische Museum am Steintorwall, Eckansicht des viergeschossigen Baus, Fotografie von 1891

Das Naturhistorische Museum am Steintorwall, fotografiert zur Eröffnung des Neubaus 1891. 82 Meter Front, vier Geschosse, 7.100 Quadratmeter Ausstellungsfläche.

Die Aufnahme oben zeigt ein Museum, das es nicht mehr gibt, an einer Stelle, an der heute Fernseher verkauft werden. Der Bau am Steintorwall war 82 Meter breit, hatte vier Geschosse und bot auf 7.100 Quadratmetern die zweitgrößte naturkundliche Ausstellung Deutschlands – die meistbesuchte ohnehin. Eröffnet wurde er am 17. September 1891.

Die Sammlung hat den Bau überlebt. Sie ist heute größer als damals: über zehn Millionen Objekte, darunter Bestände von Weltrang. Was fehlt, ist das Haus.

Dass Hamburg dieses Haus 1943 verlor, ist erklärt: Es brannte im Bombenkrieg aus. Erklärungsbedürftig ist etwas anderes – dass die Stadt es in 83 Jahren nicht ersetzt hat. Dieser Beitrag geht den Orten nach, an denen die Sammlung war, ist und nicht ist. Er endet an einem unfertigen Rohbau, anderthalb Kilometer vom verlorenen Museum entfernt.

Drei Museen in einem Schulgebäude

Die Hamburger Naturkunde begann nicht mit einem Museum, sondern mit einem Verein. 1843 gründete der Naturwissenschaftliche Verein in Hamburg das Naturhistorische Museum aus eigenen Beständen und den Lehrsammlungen der städtischen Bildungsanstalten. Hinzu kamen ältere bürgerliche Privatsammlungen, darunter die des Naturforschers und Kaufmanns Peter Friedrich Röding.

Ein Haus hatte dieses Museum nicht. Ab 1844 fanden die ersten Ausstellungen – zunächst nur für Vereinsmitglieder und Schulklassen – im Johanneum am Speersort statt, dem 1837 bis 1840 von Carl Ludwig Wimmel und Franz Gustav Forsmann errichteten Gebäude für Hamburgs höhere Bildungsanstalten. Dort saßen auch die Gelehrtenschule, das Akademische Gymnasium, die Stadtbibliothek und die Commerzbibliothek.

Straßenansicht des Johanneums am Speersort mit Arkadengang, Fotografie um 1890
Abbildung 1 Das Johanneum am Speersort, aufgenommen um 1890. Hinter dieser Arkadenfront lagen die Sammlungen, aus denen drei Hamburger Museen hervorgingen.

In diesem einen Gebäude lagen die Sammlungen, aus denen später drei Museen wurden: das Naturhistorische Museum, das Museum für Völkerkunde und das Museum für Hamburgische Geschichte. Fast der gesamte museale Bestand der Stadt lagerte in einem Schulhaus am Domplatz.

Von diesem Schulhaus ist eine Wiese übrig. Das Johanneum wurde bei Luftangriffen im Juli 1943 und Juni 1944 schwer beschädigt und bis 1955 für die Verbreiterung der Domstraße abgetragen; von den 800.000 Bänden der Stadtbibliothek wurden rund 160.000 gerettet. Die Fläche am Hammaburgplatz südlich der Hauptkirche St. Petri blieb jahrzehntelang Parkplatz, seit 2008 ist sie begrünt. Wer dort steht, steht auf dem ersten Standort von drei Hamburger Museen – und auf dem Gelände des mittelalterlichen Mariendoms, der 1804 bis 1806 abgebrochen wurde.

Ein eigenes Haus – für 52 Jahre

1885 gewannen Manfred Semper – Sohn Gottfried Sempers – und Carl Philipp Krutisch den Wettbewerb für einen Neubau am Steintorwall. Richtfest war am 6. September 1886, fertiggestellt wurde das Haus am 1. März 1890, eröffnet am 17. September 1891. Die Front maß 82,20 Meter, das Gebäude hatte vier Geschosse und 7.100 Quadratmeter Ausstellungsfläche.

Historische kolorierte Postkarte: Naturhistorisches Museum am Schweinemarkt, davor die Gleise des Hamburger Hauptbahnhofs
Abbildung 2 Der Schweinemarkt am Hauptbahnhof, um 1910. In der Bildmitte das Naturhistorische Museum am Steintorwall, im Vordergrund die Bahngleise.

Das war der Punkt, an dem Hamburg seiner naturkundlichen Sammlung einen Ort gab, der ausdrücklich für sie gebaut war. Und das Publikum kam: Für 1893 werden bis zu 165.000 Besucher genannt; rund ein halbes Jahrhundert lang war das Haus das meistbesuchte Naturkundemuseum Deutschlands. In den Sälen hingen Walskelette, darunter Stücke aus Rödings Sammlung, und das Skelett einer Stellerschen Seekuh – einer Art, die keine dreißig Jahre nach ihrer Entdeckung ausgerottet war.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1943, während der Operation Gomorrha, brannte das Gebäude bis auf die Außenmauern nieder. Die Ausstellung und große Teile der im Haus verbliebenen Sammlungen waren verloren; zerstört wurde alles, was in der großen Halle und in den dortigen Schränken stand.

Die Ruine wurde nicht wiederaufgebaut, sondern 1951 abgetragen. 1968 entstand an der Stelle ein Kaufhaus der Horten AG. Fast ein Vierteljahrhundert lang war darin ein Saturn-Markt untergebracht, vom Hauptbahnhof aus an seinem orangefarbenen Tunnelportal zu erkennen; seit September 2024 führt MediaMarkt das Haus, im Untergeschoss kam Decathlon dazu.

Vom Bau ist nichts übrig: kein Mauerrest, kein Bauteil, nach derzeitigem Recherchestand auch keine Gedenktafel. Geblieben ist die Parzelle. Wer heute am Steintorwall vor dem Geschäftshaus steht, gegenüber dem Hauptbahnhof, steht an der Stelle eines Museums, das auf vier Geschossen 7.100 Quadratmeter Ausstellungsfläche bot – gegenüber rund 2.000 Quadratmetern, die die Zoologie heute zur Verfügung hat.

Was gerettet wurde

Dass wesentliche Teile der wissenschaftlichen Sammlung den Feuersturm überstanden, war keine Fügung, sondern Vorsorge. Weil die Alkoholpräparate als brandgefährlich galten, hatten die Kuratoren große Teile dieser Bestände in stillgelegte U-Bahn-Anlagen ausgelagert. Die Vogelsammlung ging auf eine Burg in Sachsen.

Diese Bestände sind heute der wissenschaftlich wertvollste Teil des Ganzen. Sie funktionieren als Archiv: Pollenanalyse, DNA-Extraktion und Isotopenuntersuchungen lassen sich an Material durchführen, das vor 150 Jahren gesammelt wurde – und liefern Vergleichswerte für Umweltveränderungen, die zum Zeitpunkt des Sammelns niemand messen wollte.

Ein Beispiel dafür ist älter als der Krieg. Der Kurator Wilhelm Michaelsen baute in Hamburg die bis heute weltgrößte Regenwurmsammlung auf. Seine Untersuchungen zur Verbreitung von Regenwürmern auf verschiedenen Kontinenten wurden zu zoologischen Argumenten zugunsten von Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung. Der wissenschaftliche Wert des Bestandes ergab sich also gerade aus seiner globalen Herkunft.

Zu sehen ist davon nichts. Die Bestände liegen in den Magazinen des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) in Rotherbaum, nicht öffentlich zugänglich: über zehn Millionen Objekte in Zoologie, Mineralogie und Geologie-Paläontologie, darunter die größte Fischsammlung Deutschlands mit mehr als 260.000 Objekten und, neben der Regenwurmsammlung, ein entomologischer Bestand in Millionenhöhe. Was den Krieg überstanden hat, ist heute in Teilen die Grundlage aktueller Biodiversitätsforschung.

Der größte Zuwachs

Die Hamburger Naturkunde begann nicht mit Johan Cesar VI. Godeffroy. Aber der Ankauf seiner zoologischen Bestände 1886 war der bis dahin mit Abstand größte Zuwachs des Museums – und verknüpfte dessen Geschichte dauerhaft mit Hamburgs Welthandel.

Godeffroy (1813–1885), Chef des Handelshauses J. C. Godeffroy & Sohn, ließ seine Pazifikgeschäfte ab 1857 von Apia aus führen. Was seine Schiffe zurückbrachten, füllte zunächst ein Lagerhaus. 1861 eröffnete er daraus das Museum Godeffroy.

Es war zugleich Ausstellung, Forschungsstätte und Naturalienhandel, und diese Funktionen ließen sich kaum voneinander trennen. Ab 1864 erschienen dafür eigene Verkaufskataloge. Angeboten wurden Doubletten: Stücke, die die Sammlung mehrfach besaß und deshalb abgeben konnte – und das war der größere Teil dessen, was die Reisenden schickten. Museen und Sammler weltweit konnten daraus bestellen; bis 1881 kamen acht solcher Kataloge heraus. Ab 1873 gab das Haus sein eigenes Journal des Museum Godeffroy heraus; der Kurator Johann Schmeltz besorgte die wissenschaftliche Bearbeitung. Auswärtige Gelehrte bestimmten Arten und erhielten dafür Rabatt auf Käufe. Bearbeitung und Handel griffen ineinander – bis in den Katalogtitel hinein, der die Doubletten „mit Bemerkungen über die Lebensweise einzelner darin enthaltener Objekte“ anbot.

Das Museum lag dem Wohnhaus der Familie gegenüber. Im September 1862 meldete der Hamburgische Correspondent, das Haus J. C. Godeffroy & Sohn lasse „das zweite Stockwerk eines ihrem Wohnhause im Wandrahm gegenüber liegenden Speichers“ ausbauen und alle Wände mit Spiegeln belegen; der Raum sei „für ein naturhistorisches Museum bestimmt“. Zwei Präparatoren waren bereits angestellt, die Kapitäne des Hauses hatten Auftrag, Naturalien mitzubringen, und auch die überseeischen Konsuln sollten beisteuern. Die Zeitung zog die Linie selbst zurück: Es sei „in Hamburg unseres Wissens das zweite Beispiel dieser Art“ – das erste war Rödings Sammlung. Das Wohnhaus, ein Bau aus der Zeit um 1760, bewohnte die Familie im Winter; das übrige Jahr lebte sie auf dem Landsitz an der Elbchaussee.

Blick in die enge Straße Alter Wandrahm mit hohen Speicher- und Wohnhäusern, Fotografie von 1883
Abbildung 3 Der Alte Wandrahm 1883, aufgenommen für eine Bilddokumentation der zum Abbruch bestimmten Stadtteile. In dieser Straße lagen Kontor, Wohnhaus und die Räume des Museum Godeffroy.

1879 ging das Handelshaus in Konkurs. Die Sammlung wurde in den folgenden Jahren aufgeteilt und verkauft; die entscheidenden Verkäufe waren 1885/86 abgeschlossen. Parallel dazu begann ab 1886 der Abbruch des Wandrahm-Quartiers für die Speicherstadt – ein Jahr nach Godeffroys Tod. Das Haus, in dem die Südseesammlung zusammengetragen worden war, wich den Speichern.

Vom Wohnviertel ist nichts übrig. An seiner Stelle entstanden zwischen 1891 und 1897 am St. Annenufer und Neuen Wandrahm die Speicherblöcke P, Q und R. Die Speicherstadt ist heute UNESCO-Welterbe – ein Denkmal, das auf dem Abriss eines anderen steht. Eine Skulpturengruppe am ehemaligen HFLG-Verwaltungsgebäude erinnert an die Annenkapelle des Viertels, nicht an seine Bewohner.

Wer für Hamburg sammelte

Godeffroy schickte bezahlte Sammler aus. Der Schweizer Zoologe Eduard Graeffe baute das Museum ab 1860 mit auf. Der Pole Johann Kubary sammelte in Mikronesien. Und zehn Jahre lang, von 1863 bis 1873, arbeitete Amalie Dietrich (1821–1891) an der Nordostküste Australiens.

Federzeichnung einer älteren Frau mit gefalteten Händen, signiert C. W. Allers, Hamburg 1881
Abbildung 4 Amalie Dietrich an ihrem 60. Geburtstag, gezeichnet 1881 von Christian Wilhelm Allers. Die Originalzeichnung liegt im Herbarium Hamburgense der Universität Hamburg.

Dietrich war Naturforscherin ohne akademische Ausbildung und außerordentlich erfolgreich: Zahlreiche Pflanzen- und einige Tierarten tragen bis heute ihren Namen. Ihr Auftrag umfasste Botanik, Zoologie und Ethnografie.

Er umfasste auch menschliche Überreste. Nach dem Inventar des Museums Godeffroy sandte sie zwei Schädel und acht Skelette von Aboriginal People nach Hamburg, entnommen aus Gräbern. Die anthropologischen Sammlungen Europas fragten solche Gebeine in dieser Zeit stark nach. Die Rassentheorien, auf die sich das Interesse stützte, sind heute widerlegt.

Die Deutungen ihrer Biografie schwanken bis heute zwischen Forschungsreisender und Grabräuberin. Die historischen Vorgänge lassen sich rekonstruieren; welches Gewicht wir ihnen bei der Beurteilung ihrer Person geben, ist dagegen eine Frage der Gegenwart.

Geblieben sind zwei Namen. Die Godeffroystraße in Blankenese und der Amalie-Dietrich-Stieg in Barmbek-Nord tragen keinen erläuternden Zusatz: Wer die Namen nicht kennt, erfährt am Schild nichts von den Pazifikgeschäften des Handelshauses und nichts von Dietrichs zehn Jahren in Australien. Godeffroys Geschäfte dort begannen 1857, knapp drei Jahrzehnte vor dem Beginn der formalen deutschen Kolonialherrschaft 1884.

Wer den Landsitz sehen will, findet ihn zwei Kilometer westlich der Godeffroystraße. Das Landhaus J. C. Godeffroy im Hirschpark, um 1789 bis 1792 von Christian Frederik Hansen für den Urgroßvater errichtet, steht unter Denkmalschutz und beherbergt heute eine Ballettschule. Der Park ist seit 1924 öffentlich zugänglich.

Klassizistisches weißes Landhaus mit Säulenportikus hinter einer Rasenfläche im Hirschpark
Abbildung 5 Das Landhaus J. C. Godeffroy im Hirschpark, um 1789 bis 1792 von Christian Frederik Hansen errichtet. Über dem Eingang steht: „Der Ruhe weisem Genuss“.

Was in Leipzig verbrannte

Bei der Aufteilung der Godeffroy-Sammlung blieben die zoologischen Bestände und das Herbarium in Hamburg. Die anthropologische und ethnologische Sammlung kaufte die Stadt Leipzig für ihr neues Völkerkundemuseum. Weiteres Godeffroy-Material liegt heute in Berlin, London, Oxford und Melbourne, verteilt über das Netz der Duplikatverkäufe.

Mit der anthropologischen Sammlung gingen auch die von Amalie Dietrich entnommenen Gebeine nach Leipzig. Rudolf Virchow untersuchte sie; seine Ergebnisse erschienen 1902, nach seinem Tod.

Nach heutigem Forschungsstand wurden sie 1943 bei einem alliierten Luftangriff auf Leipzig zerstört.

Es ist dasselbe Jahr, in dem der Bau am Steintorwall ausbrannte. Ein Zusammenhang besteht nicht – zwei Städte, zwei Angriffe, zwei Bestände. Endgültig sind beide Verluste: Hamburg hat sein Museum verloren, und die Gebeine, die für dieses Museum aus australischen Gräbern genommen wurden, können nicht mehr zurückgegeben werden.

Einen Ort gibt es dafür nicht, weder in Hamburg noch in Leipzig. Geblieben ist Aktenwissen: das Godeffroy-Inventar, Virchows Publikation von 1902, die Verkaufskataloge. Am LIB in Hamburg liegen über 500 Godeffroy-Typusexemplare allein aus der Arachnologie; ein laufendes Projekt digitalisiert sie mit dem erklärten Ziel, „das Museum Godeffroy im digitalen Zeitalter wiederauferstehen zu lassen“. Die zerstreute Sammlung wird rekonstruiert – als Datenbank, nicht als Ort.

Ein Museum, das noch nicht da ist

1969 gingen die geretteten Sammlungen an die Universität Hamburg. 1974 bezog die Zoologie ihren heutigen Standort in Rotherbaum; 1984 wurde dort die Ausstellung eröffnet – auf rund 2.000 Quadratmetern, gut einem Viertel der Fläche von 1891. Mineralogie und Geologie-Paläontologie sitzen an eigenen Adressen. Etwa 86.000 Menschen kommen im Jahr; 1893 waren es bis zu 165.000.

2008 stellte der Wissenschaftsrat die „desolate Situation“ der drei Häuser fest und forderte eine angemessene Unterbringung. Danach: 2014 die Gründung des Centrums für Naturkunde, 2017 die Stiftung Naturkunde Hamburg, 2020 das Ausstellungskonzept „Evolutioneum“ von Ralph Appelbaum Associates, 2021 der Zusammenschluss mit dem Bonner Museum Koenig zum LIB, abgesichert durch einen Staatsvertrag mit Nordrhein-Westfalen. 2022 war ein Baufeld im Elbtorquartier vorgesehen – an der Zweibrückenstraße in der HafenCity, an der Zollkanalbrücke, vom Hauptbahnhof aus in etwa zwölf Minuten zu Fuß.

Im Oktober 2025 präsentierte der Senat einen anderen Weg: Hamburg wollte rund 46.000 Quadratmeter des Elbtowers erwerben – jenes Turms, dessen Bau nach der Signa-Insolvenz im Oktober 2023 bei rund 100 Metern stehen geblieben ist. Kaufpreis maximal 595 Millionen Euro, zahlbar erst nach Fertigstellung und Übergabe; geplant sind nun maximal 199 Meter Höhe, zwölf Geschosse weniger als ursprünglich vorgesehen. Nach Berechnungen des Senats käme ein eigenständiger Neubau auf 824 Millionen Euro und würde etwa fünf Jahre länger dauern. Die zugrunde liegenden Berechnungen sind bislang nicht vollständig veröffentlicht.

Unfertiger Betonrohbau des Elbtowers mit stillstehenden Kränen, aufgenommen von Westen über die Elbbrücken
Abbildung 6 Der Elbtower im März 2024, ein halbes Jahr nach dem Baustopp vom Oktober 2023. Am Rohbau hat sich seither nichts geändert.

Im Spätsommer 2026 steht die Konstruktion auf der Kippe. Ein Kaufvertrag zwischen Insolvenzverwalter und dem Konsortium um Dieter Becken liegt nicht vor. SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf schätzt die Chancen für eine Umsetzung inzwischen als gering ein und schließt weitere städtische Zugeständnisse aus. Mit dem Tod Klaus-Michael Kühnes am 24. August 2026 verlor das Konsortium zudem einen seiner prominentesten vorgesehenen Geldgeber. Am 12. September 2026 äußerte auch Bürgermeister Peter Tschentscher erstmals öffentlich Zweifel: Auf die Frage, ob der Elbtower fertig gebaut werde, antwortete er „Da bin ich mir nicht mehr so sicher“. Er begründete das damit, dass die Verhandlungen über den Ankauf der städtischen Flächen nicht vorankämen; die Stadt bleibe gesprächsbereit, werde aber „keine Risiken übernehmen“. Das LIB stellt klar, die Zukunft des Naturkundemuseums müsse unabhängig vom Elbtower gedacht werden. Die Baugenehmigung für den Turm läuft bis zum 23. März 2029.

Geblieben ist damit auch hier vorerst ein Rohbau von rund 100 Metern Höhe, seit Herbst 2023 unverändert.

Was von Hamburgs Naturkunde geblieben ist

Die übliche Erzählung lautet: Der Krieg hat Hamburg sein Naturkundemuseum genommen. Das stimmt – und erklärt nur die Hälfte.

Denn Hamburg hatte diesen Ort. Nicht zufällig, nicht geliehen: 1891 eröffnete ein Haus, das ausdrücklich für diese Sammlung errichtet worden war, und es wurde zum meistbesuchten seiner Art in Deutschland. Der Verlust von 1943 ist die Zerstörung eines gelungenen Zustands, nicht die Fortsetzung eines Provisoriums.

Erklärungsbedürftig sind die 83 Jahre danach. Die Orte dieses Beitrags legen eine Erklärung nahe, und sie ist institutionell, nicht baulich. Nach 1943 wurden die geretteten Bestände zunächst als staatliches Forschungsinstitut verwaltet und 1969 in die Universität Hamburg überführt. Damit waren Sammlung und Forschung dauerhaft gesichert – aber sie lagen fortan bei einem Träger, dessen Auftrag Forschung und Lehre ist, nicht der Betrieb eines öffentlichen Museums. Die Ausstellungsfunktion schrumpfte auf 2.000 Quadratmeter und blieb dort: Sammlung und Forschung hatten einen Träger, die Museumsfunktion keinen vergleichbar starken. Der Wissenschaftsrat konnte 2008 den Mangel feststellen; ein Befund ist kein Haushaltstitel.

Erst der Leibniz-Weg hat das geändert. Seit 2021 gehört ein Forschungsmuseum ausdrücklich zum Auftrag des LIB, staatsvertraglich abgesichert. Die institutionelle Frage war damit gelöst – acht Jahrzehnte nach der baulichen. Seither geht es nur noch um Quadratmeter, und genau hier setzt das nächste Muster ein: Seit 2022 tritt neben die museologischen Anforderungen immer stärker die Frage, welche Immobilie politisch, finanziell und tatsächlich verfügbar ist. Zuerst ein Baufeld, dann ein havarierter Turm.

Bemerkenswert ist, was die Sammlung in dieser Zeit getan hat: Sie ist wichtiger geworden. Die Alkoholpräparate aus dem U-Bahn-Schacht liefern heute Daten, für die es keinen Ersatz gibt, weil die Natur, die sie dokumentieren, verschwunden ist. Der wissenschaftliche Wert wuchs, während die öffentliche Sichtbarkeit bei einem Viertel der Fläche von 1891 verharrte.

Anderthalb Kilometer vom verlorenen Haus entfernt steht heute wieder Architektur ohne abgeschlossene Funktion. Die Sammlung wartet weiter.

Quellen und Literatur

Zum Naturhistorischen Museum und seinen Sammlungen

Zum Museum Godeffroy

Zu Amalie Dietrich

Zum Neubau und zum Elbtower

Anmerkungen zur Quellenlage

  • Das Ende des Museums Godeffroy wird in der Literatur zwischen 1881 und 1885 datiert; der Auflösungsprozess zog sich nach dem Konkurs von 1879 über Jahre hin.
  • Zur Zahl der von Amalie Dietrich versandten menschlichen Überreste folgt dieser Beitrag dem Godeffroy-Inventar nach Affeldt/Hund (zwei Schädel, acht Skelette); andere Darstellungen nennen „mindestens elf“.
  • Die Gründung des Centrums für Naturkunde wird von der Stiftung Naturkunde mit 2014, vom LIB mit 2016 angegeben.
  • Zum Abbruch der Museumsruine am Steintorwall nennen einzelne Darstellungen 1950 statt 1951; dieser Beitrag folgt der Chronologie des LIB.
  • Zum Verbleib der nach Leipzig verkauften Gebeine formuliert die Literatur teilweise im Konjunktiv („sollen dort verbrannt sein“). Der Beitrag folgt dem heutigen Forschungsstand und kennzeichnet ihn als solchen.
  • Zum Standort des Museums am Wandrahm gehen die Darstellungen auseinander: Die eine nennt das Wohn- und Kontorhaus der Familie, die andere den Speicher gegenüber. Der zeitgenössische Bericht vom 26. September 1862, hier im Wortlaut zitiert, entscheidet die Frage zugunsten des Speichers. Er nennt keine Hausnummer; dieser Beitrag nennt deshalb auch keine. Die zitierten Stellen folgen dem Volltext des SUB-Digitalisats – eine Frakturerkennung, die einzelne Zeichen verfälschen kann.

Alle Online-Quellen zuletzt abgerufen am 19. September 2026.

Bildnachweise

Deine Gedanken zur Geschichte

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dein Kommentar wird vor der Veröffentlichung geprüft.