Straßennamen sind politische Ehrungen. Aber sie sind noch etwas anderes: über Jahrzehnte gewachsene Quellen der Stadtgeschichte. Die frühere Hindenburgstraße in Hamburg zeigt, was verloren gehen kann, wenn die Gegenwart den Stadtplan nach ihren eigenen moralischen Maßstäben bereinigt.
Eine Adresse für fast hundert Jahre
Im Jahr 1926 gab Hamburg einer Straße und einer Brücke im Norden der Stadt den Namen Paul von Hindenburgs. Der Feldmarschall des Ersten Weltkriegs war damals Reichspräsident der Weimarer Republik und bereits seit 1917 Hamburger Ehrenbürger. Der südliche Straßenabschnitt durch den Stadtpark behielt den Namen bis 2013. Der nördliche Teil und die Brücke trugen ihn bis 2025: neunundneunzig Jahre lang.
Der Ehrentitel, den Hamburg 1926 in einen Straßennamen übersetzte, war zu diesem Zeitpunkt bereits zwölf Jahre alt. Er geht auf den August 1914 zurück, als Hindenburg mit seinem Stabschef Erich Ludendorff die deutsche Abwehr zweier russischer Armeen in Ostpreußen leitete. Die Schlacht fand bei Allenstein statt; benannt wurde sie auf Hindenburgs Initiative nach dem nahegelegenen Ort Tannenberg, wo 1410 ein Ritterheer des Deutschen Ordens unterlegen war – eine symbolische „Revanche“, die es militärisch in dieser Form nie gegeben hatte. Als „Sieger von Tannenberg“ und „Befreier Ostpreußens“ wurde Hindenburg, wie das Deutsche Historische Museum dokumentiert, zur meistverehrten Person des Kaiserreichs; der Kult entsprang dabei, anders als spätere NS-Propaganda, zunächst einem spontanen Volksgefühl. Ab 1927 stand bei Hohenstein das monumentale Tannenberg-Nationaldenkmal, in dem Hindenburg sich 1934 beisetzen ließ; Wehrmachtpioniere sprengten die Anlage im Januar 1945 vor der heranrückenden Roten Armee. Wer Hamburgs Straße von 1926 verstehen will, setzt also nicht erst bei 1933 an, sondern bei einem gut ein Jahrzehnt älteren Kult um einen Kriegshelden.
Straßennamen waren dabei nur ein Trägermedium unter mehreren. Vereine und Kommunen setzten seit den 1920er-Jahren Hindenburg-Gedenksteine und pflanzten „Hindenburg-Eichen“ – in einer Form der Verehrung, die strukturell an den älteren Bismarck-Kult seit den 1870er-Jahren anschloss, wie die Otto-von-Bismarck-Stiftung im Rückblick auf beide Personenkulte festhält. Die Hindenburgstraße war damit kein Einzelfall eines benannten Straßenschilds, sondern ein Ausläufer eines flächendeckenden Kults, der die junge Republik von ihrem monarchischen Vorleben her deutete.
Eine solche Dauer beweist nicht, dass Hindenburg ein Jahrhundert lang unumstritten gewesen wäre. Bereits 1988 gab es einen politischen Vorstoß zur Umbenennung. Sie zeigt aber, dass der Name im Verlauf mehrerer Generationen etwas anderes wurde als der Vollzug eines Senatsbeschlusses von 1926. Er war Postanschrift und Wegbeschreibung, stand in Adressbüchern, auf Fahrplänen, Geschäftspapieren und privaten Briefen. Menschen wurden dort geboren, eröffneten Betriebe, zogen ein und wieder fort. Der Eigenname bezeichnete im Alltag zunehmend einen Ort – nicht eine täglich erneuerte Zustimmung zu Hindenburg.
Seit August 2025 ist die Hindenburgstraße aus dem amtlichen Hamburger Straßenverzeichnis verschwunden. Der südliche und mittlere Teil heißt Otto-Wels-Straße, der nördliche Abschnitt Traute-Lafrenz-Straße; auch die Brücke über die Alster trägt nun Traute Lafrenz’ Namen. Hamburg hat damit eine frühere Ehrung widerrufen und zwei Persönlichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in den Stadtplan eingeschrieben.
Politisch lässt sich diese Entscheidung gut begründen. Historisch bleibt dennoch eine unbequeme Frage: Verschwand mit der Ehrung auch eine fast hundert Jahre alte Schicht des Ortes?
Ist ein Straßenname wirklich nur eine Ehrung?
Die amtliche Argumentation beginnt gewöhnlich mit einem richtigen Satz: Eine nach einer Person benannte Straße ist eine hohe Form öffentlicher Ehrung. Auch der Deutsche Städtetag verwendet diese Definition. Verletzt ein Namensgeber die grundlegenden Wertvorstellungen einer demokratischen Gesellschaft, kann die Stadt die Ehrung beenden.
Problematisch wird das Modell erst durch seinen Ausschließlichkeitsanspruch. Es behandelt einen alten Straßennamen so, als erschöpfe sich seine Bedeutung für immer in der Absicht, mit der er einmal vergeben wurde. Demnach würde Hamburg mit jedem stehen gelassenen Schild Hindenburg fortwährend ehren – beinahe so, als beschlösse der Senat die Widmung jeden Morgen neu.
Historisch besitzen Namen jedoch ein Nachleben. Sie lösen sich teilweise von ihrem Namensgeber, lagern Erfahrungen an und werden Bestandteil der räumlichen Ordnung. Die „Hindenburgstraße“ dokumentierte zuletzt mindestens vier verschiedene Sachverhalte: den Hindenburg-Kult der Weimarer Republik, das Fortleben der Benennung nach 1945, den Streit um seine politische Verantwortung und den Wandel der Hamburger Erinnerungspolitik seit den 1980er-Jahren.
Der Name war deshalb zugleich Ehrung und Archiv. Wer nur die erste Funktion sieht, erkennt in seiner Entfernung ausschließlich den Widerruf einer Auszeichnung. Wer auch die zweite wahrnimmt, sieht einen Eingriff in eine historische Quelle.
Eine Stadt muss nicht jede frühere Ehrung bewahren. Aber sie sollte bewahren, dass es diese Ehrung gab.
Das Archivmodell macht Hindenburg nicht wieder zum Vorbild. Im Gegenteil: Erst der sichtbar erhaltene alte Name zwingt zu erklären, warum eine demokratische Stadt 1926 gerade diesen Mann ehrte und weshalb sie fast ein Jahrhundert später anders urteilte. Ein verschwundener Name stellt keine Fragen mehr.
Warum Hindenburg aus dem Stadtplan verschwand
Die Belastung reicht weiter zurück als 1933. Schon ab 1916 regierten Hindenburg und Ludendorff mit der Dritten Obersten Heeresleitung faktisch am Kaiser und am Reichstag vorbei. Am 18. November 1919 sagte Hindenburg vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Kriegsniederlage aus und zitierte einen angeblichen englischen General: „Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.“ Die Formulierung, tatsächlich einem Schweizer Zeitungskorrespondenten entlehnt, gab der Dolchstoßlegende ihren bekanntesten Wortlaut – der Behauptung, nicht die Front, sondern Politiker und Streikende im Hinterland hätten die Niederlage verschuldet. Verfasst wurde sie von derselben Heeresleitung, die dem Kaiser die militärische Niederlage im September 1918 selbst eingestanden hatte. Sie entzog der jungen Republik von ihrem ersten Jahr an Legitimität; Hindenburg trug sie als Reichspräsident weiter mit sich.
Die Belastung von 1933 selbst lässt sich ebenso wenig seriös wegdiskutieren. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Das Deutsche Historische Museum zählt die Entscheidung zu den folgenreichsten politischen Weichenstellungen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hindenburg unterzeichnete danach die Reichstagsbrandverordnung, mit der wesentliche Grundrechte außer Kraft gesetzt wurden, und das Ermächtigungsgesetz, das die parlamentarische Ordnung entkernte.
Zwischen der Reichstagsbrandverordnung und dem Ermächtigungsgesetz inszenierte die neue Regierung am 21. März 1933 den „Tag von Potsdam“: die feierliche Eröffnung des neuen Reichstags in der Potsdamer Garnisonkirche, an den Särgen Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelms I. Hindenburg erschien in der Uniform des Feldmarschalls, Hitler im schwarzen Gehrock; der fotografierte Handschlag der beiden vor der Kirche wurde zum meistverbreiteten Bild der ersten NS-Wochen. Der Historiker Heinrich August Winkler beschreibt die Pointe der Inszenierung so: Die neuen Machthaber hätten sich den Mythos des alten Preußen nur nutzbar gemacht, um ihrer Herrschaft den Anschein einer höheren Legitimation zu verschaffen – eine Auferstehung des alten Preußen fand nicht statt. Zwei Tage später stimmte der so eröffnete Reichstag über das Ermächtigungsgesetz ab – in dessen Debatte Otto Wels sein Nein sprach.

Hindenburg war kein nationalsozialistischer Parteifunktionär. Doch auch in den Jahren vor 1933 vertiefte sich diese Distanz zur parlamentarischen Demokratie weiter: Unter seiner Präsidentschaft regierten Präsidialkabinette zunehmend mithilfe von Notverordnungen. Konservative Eliten glaubten schließlich, Hitler in ein von ihnen kontrolliertes Kabinett einbinden zu können. Hindenburg verschaffte diesem Experiment die staatliche Autorität seines Amtes.
Der Begriff „Steigbügelhalter Hitlers“ verkürzt eine komplexe Entwicklung, benennt aber einen zentralen Verantwortungszusammenhang. Hamburg musste daraus nicht auf alle Zeiten dieselbe Entscheidung ableiten wie 1926. Eine demokratische Stadt ist nicht verpflichtet, eine personenbezogene Widmung unverändert fortzuführen.
Die Schwierigkeit liegt an anderer Stelle: Die Hindenburgstraße war keine nationalsozialistische Straßenbenennung. Sie entstand sieben Jahre vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. In ihr zeigte sich eine ältere Schicht – der militärische Heldenkult nach dem Ersten Weltkrieg und die eigentümliche Verbindung republikanischer Institutionen mit obrigkeitsstaatlichen Sehnsüchten. Gerade diese Ambivalenz machte den Namen historisch aufschlussreich.
Wird er nur als heute unvertretbare Ehrung verstanden, verengt sich die Geschichte rückwirkend auf das spätere Jahr 1933. Der Name von 1926 erzählt dann nicht mehr von der Weimarer Republik in ihren eigenen Widersprüchen, sondern wird ausschließlich als Vorstufe des Nationalsozialismus gelesen.

Der Zeitgeist benennt sich selbst nicht
In der internationalen Forschung werden Straßennamen unter dem Begriff der Critical Toponymy als Instrumente symbolischer Macht untersucht. Namen spiegeln nicht bloß Geschichte; sie wählen aus, ordnen und bewerten. Herrschaftswechsel, Revolutionen und politische Neuorientierungen werden deshalb häufig von Umbenennungswellen begleitet.
Eine vergleichende Langzeitstudie zu Leipzig und Poznań weist auf einen entscheidenden Umstand hin: Jede Entscheidung über eine Umbenennung ist ideologisch geprägt. Das gilt für die Vergabe eines politischen Namens ebenso wie für seine Tilgung, seine Ersetzung durch einen anderen Erinnerungsnamen oder die Flucht in eine scheinbar neutrale Bezeichnung. „Ideologisch“ bedeutet hier nicht automatisch extremistisch oder illegitim. Es bedeutet, dass die Entscheidung einer Vorstellung davon folgt, welche Geschichte im öffentlichen Raum sichtbar sein soll.
Die Hindenburgstraße war Geschichtspolitik. Ihre jahrzehntelange Beibehaltung war ebenfalls Geschichtspolitik. Otto-Wels-Straße und Traute-Lafrenz-Straße sind es nicht weniger. Mit ihnen ist die Ideologie nicht aus dem Stadtplan verschwunden; eine gegenwärtig überzeugendere Geschichtsdeutung hat sich gegen eine ältere durchgesetzt.
Die Reihe zeigt zweierlei. Umbenennen ist kein Verfahren der Gegenwart, sondern ein wiederkehrendes Instrument – und es diente schon dazu, Menschen aus dem Stadtplan zu entfernen, nicht nur Ehrungen zurückzunehmen. Sie zeigt zugleich, dass die Rücknahme keine Selbstverständlichkeit ist: Zwei der Tilgungen vom 1. November 1938 gelten bis heute. Die Lichtwarkstraße in Eppendorf trägt den Namen des ersten Direktors der Hamburger Kunsthalle. Dass er dort an die Stelle des ersten Richters jüdischer Religion in Deutschland getreten ist, steht an keinem Schild.
Hindenburg selbst zeigt, wie unterschiedlich deutsche Kommunen mit demselben Namen umgehen. Bad Tölz entschied bereits am 25. Juni 2013 – im selben Jahr wie Hamburgs erste Teilumbenennung –, Hindenburg die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen, die zentrale Hindenburgstraße aber ausdrücklich zu erhalten und stattdessen einen „Informationsweg“ mit neun Stationen einzurichten; die Begründung lautete, eine Umbenennung führe binnen weniger Jahre nur zum Vergessen, nicht zur Aufarbeitung. Münster und Kiel benannten ihre Hindenburgstraßen dagegen vollständig um. Und noch in diesem Jahr, am 1. Juni 2026, beschloss die Gemeinde Sylt zum bevorstehenden hundertjährigen Jubiläum, den Bahndamm zum Festland künftig „Syltdamm“ statt „Hindenburgdamm“ zu nennen – eine rein kommunikative Entscheidung: Amtlich hatte der 1927 von Reichsbahn-Generaldirektor Julius Dorpmüller informell getaufte Damm nie einen rechtsverbindlichen Namen getragen. Drei Kommunen, drei Lösungen: vollständige Tilgung, sichtbar erhaltener und kommentierter Name, stiller Bedeutungswandel ohne Rechtsakt. Hamburgs Weg – amtliche Umbenennung ohne dauerhaft sichtbare Erläuterung vor Ort – ist nur eine von mehreren Antworten auf dieselbe Frage.
Gerade erfolgreiche Zeitströmungen erscheinen ihren Zeitgenossen selten als Zeitgeist. Sie erleben sich als Einsicht, Fortschritt oder überfällige Korrektur. Erst im Rückblick wird erkennbar, welche Fragen eine Epoche stellte – und welche sie nicht mehr stellen konnte.
Seit den 1980er-Jahren hat sich in der Bundesrepublik ein schuld- und verantwortungszentriertes Erinnerungsregime ausgebildet. Es rückte die lange verdrängten Opfer nationalsozialistischer Verbrechen in das Zentrum, fragte nach Täterschaft und Mitverantwortung und unterzog traditionelle Heldenbilder einer notwendigen Revision. Diese Entwicklung ist eine historische Leistung.
Aber auch sie ist historisch. Ihre charakteristische Form besteht darin, Sichtbarkeit im öffentlichen Raum als Anerkennung zu verstehen. Daraus folgt spiegelbildlich: Ein belasteter Name gilt nicht bloß als überkommenes Zeugnis, sondern als gegenwärtig fortwirkende Würdigung. Entfernen und Neubenennen erscheinen folglich als symbolische Gerechtigkeit.
Dieses Erinnerungsregime korrigiert alte Blindstellen – und kann eine neue erzeugen: die Geringschätzung des Überlieferten allein deshalb, weil es den heutigen Wertvorstellungen widerspricht. Die Gegenwart macht sich dann zum letzten Richter über den sichtbaren Bestand der Vergangenheit, ohne die eigene Perspektive als vorläufige historische Lage mitzudenken.
Dabei ist „ideologisch“ nicht als Synonym für „falsch“ gemeint. Auch demokratische Erinnerungspolitik beruht auf Werten und Interessen. Sie als ideologisch geprägt zu beschreiben, widerlegt sie nicht. Es verhindert lediglich, dass die gegenwärtige Auswahl mit der Geschichte selbst verwechselt wird.
Der Stadtplan als Palimpsest
Für eine geschichtsbewusste Stadt ist das Bild des Palimpsests hilfreicher als das des bereinigten Plans – ein Bild, das der Genfer Stadtforscher André Corboz 1983 für das Territorium geprägt hat und das die Stadtforschung seither auf Städte überträgt. Ein Palimpsest ist ein mehrfach beschriebener Träger, auf dem ältere Schriftspuren unter einer neuen Beschriftung erhalten bleiben. Städte funktionieren ähnlich. Gebäude werden umgebaut, Grundstücksgrenzen verschieben sich, Nutzungen ändern sich und Namen überlagern einander.
Historische Tiefe entsteht nicht durch Eindeutigkeit, sondern durch das Nebeneinander widersprüchlicher Spuren. Eine Straße kann zugleich vom Hindenburg-Kult der Weimarer Republik, vom demokratischen Widerstand Otto Wels’ und von Traute Lafrenz’ Beteiligung an der Weißen Rose erzählen. Diese Geschichten schließen einander nicht aus. Ihre Abfolge macht den Ort erst historisch interessant.
Die heutige Praxis behandelt den Stadtplan dagegen leicht wie eine redaktionelle Veröffentlichung, die auf den neuesten Stand gebracht wird. Eine falsche oder unvertretbare Aussage wird gelöscht und durch eine bessere ersetzt. Das Ergebnis ist moralisch übersichtlicher, aber historisch flacher. Die frühere Schicht muss nun aktiv in Datenbanken, Büchern oder Archiven gesucht werden. Im Vorübergehen begegnet sie niemandem mehr.
Hamburgs eigene Expertenkommission zum Umgang mit NS-belasteten Straßennamen hat dieses Problem erkannt. Nach einer Umbenennung, so ihre Empfehlung, solle ein Erläuterungsschild angeben, wann die Straße anders hieß, wie der frühere Name lautete und weshalb er ersetzt wurde. Die Kommission nennt das die „Biografie der Straße“. Ergänzende QR-Codes könnten zu ausführlicheren Informationen führen.
Das ist mehr als ein praktischer Hinweis. Es ist das Eingeständnis, dass ein neuer Name die ältere Geschichte nicht erledigt. Allerdings darf die Straßenbiografie nicht in einer Internetseite verschwinden, die nur aufruft, wer bereits von ihr weiß. Ein Palimpsest muss am Ort sichtbar bleiben.

Ein solcher Palimpsest-Rest existiert bereits – aber nicht durch behördliche Absicht und auch nicht durch bloße Nachlässigkeit, sondern durch einen unbekannten, offenbar eigenmächtigen Eingriff. Am Geländer der heutigen Traute-Lafrenz-Brücke über die Alster ist der Name „Hindenburg“ grob schwarz übersprüht; unmittelbar daneben zeigt die Wortendung „Brücke“ unverändert die ursprüngliche, verwitterte Patina der geschnittenen Metallbuchstaben. Wer hier tätig wurde und wann, ist nirgends dokumentiert: keine Tafel erklärt den Vorgang, kein Bezirksamt hat ihn erkennbar veranlasst. Der Fund zeigt eine dritte Form des Umgangs mit dem alten Namen, neben der amtlichen Tilgung und dem geprüften Zusatzschild der Otto-Wels-Straße: die stille, unautorisierte Selbsthilfe am Material. Wer immer hier sprühte, hat den Namen nicht erklärt und nicht dokumentiert, sondern nur verdeckt. Genau darin unterscheidet sich dieser Rest von der „Biografie der Straße“, die Hamburgs eigene Kommission empfiehlt: Er erzählt nichts. Er verbirgt nur, und auch das nur zur Hälfte.
Wie weit die amtliche Empfehlung trägt, lässt sich an anderer Stelle nachsehen. Unter dem Straßenschild der Otto-Wels-Straße hängt ein erläuterndes Zusatzschild, wie Hamburg es bei Straßen mit Personennamen anbringt: Das Bezirksamt lässt es anfertigen, das Staatsarchiv prüft zuvor „die vom Bezirk eingereichten Erläuterungstexte“ und die biografischen Daten. Vier Zeilen stehen darauf, oben im Beitragsbild lesbar.
Der Text ist sachlich richtig und ungewöhnlich genau. Er handelt von Otto Wels. Über die Straße, an der er hängt, sagt er nichts: weder, dass sie von 1926 bis 2013 Hindenburgstraße hieß, noch, warum sie den Namen verlor. Auf diesem Schild hat die Straße keine Geschichte, nur einen Namensgeber. Am Zusatzschild der Traute-Lafrenz-Straße wiederholt sich derselbe Befund: Es nennt Geburts- und Sterbedatum, Beruf und die Zugehörigkeit zur Weißen Rose – aber ebenfalls nicht, dass der nördliche Abschnitt bis 2025 Hindenburgstraße hieß.
Bei der Otto-Wels-Straße ist daraus kein Vorwurf zu machen: Der Abschnitt zwischen Borgweg und Jahnring wurde 2013 umbenannt, neun Jahre vor dem Bericht der Kommission; niemand hat hier eine Empfehlung übergangen. Bei der Traute-Lafrenz-Straße liegt der Fall anders: Sie entstand erst 2025, drei Jahre nach der Empfehlung – und ihr Zusatzschild folgt ihr trotzdem nicht. Der Befund zeigt damit zweierlei. Der Platz ist vorhanden – Schilder hängen bereits, ein Verfahren dafür ebenfalls, samt Prüfung durch das Staatsarchiv. Und er zeigt, was unabhängig von der Empfehlung von selbst entsteht, ob vor oder nach ihrem Erscheinen: Erläuterungen, die den neuen Namen begründen und den alten nicht kennen.
Vom Erinnerungswert zum Alterswert
Eine überraschend präzise Sprache für dieses Problem bietet der Wiener Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Alois Riegl. In seiner Schrift Der moderne Denkmalkultus unterschied er 1903 verschiedene Werte, die ein überliefertes Objekt besitzen kann. Dazu gehören der gewollte Erinnerungswert, der historische Wert und der Alterswert.
Auf die Hindenburgstraße übertragen, war der gewollte Erinnerungswert von 1926 eindeutig: Hamburg wollte Hindenburg ehren. Diesen Zweck kann die Stadt später verwerfen.
Der historische Wert liegt dagegen in der Aussagekraft der Benennung. Sie ist ein Zeugnis dafür, welches Ansehen ein kaiserlicher Feldmarschall in der Weimarer Republik genoss. Dieser Wert besteht gerade dann fort, wenn die ursprüngliche Verehrung nicht mehr geteilt wird.
Der Alterswert entsteht durch Dauer, Überlieferung und die wahrnehmbare Distanz zwischen dem Zeugnis und der Gegenwart. Eine neunundneunzigjährige Adresse besitzt ihn nicht wegen der moralischen Qualität ihres Namensgebers, sondern weil sie fast ein Jahrhundert Stadtgeschichte durchlaufen hat.
Riegls Denkmalbegriff war für materielle Gegenstände entwickelt worden. Auf Straßennamen lässt er sich daher nur als analytische Übertragung anwenden. Doch gerade sie macht sichtbar, was dem Ehrungsmodell fehlt: Die Bedeutung eines historischen Zeichens bleibt nicht bei seiner ursprünglichen Absicht stehen. Eine Gesellschaft kann den gewollten Erinnerungswert ablehnen und zugleich historischen Wert und Alterswert schützen.
Das wäre keine Verewigung Hindenburgs. Es wäre die Bewahrung einer Spur des Hindenburgbildes von 1926.
Otto Wels und Traute Lafrenz: die neue Schicht
Die Kritik an der Tilgung des alten Namens richtet sich nicht gegen die neuen Namensgeber. Otto Wels begründete am 23. März 1933 im Reichstag das Nein der SPD-Fraktion zum Ermächtigungsgesetz. Traute Lafrenz, 1919 in Hamburg geboren, gehörte zum Umfeld der Weißen Rose, brachte Flugblätter nach Hamburg und wurde 1943 verhaftet. Beide stehen überzeugend für demokratischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
2013 sollte Otto Wels nach dem erklärten Willen der Bezirksversammlung einen „demokratischen Kontrapunkt“ zu Hindenburg bilden. 2025 bezeichnete Kultursenator Carsten Brosda die Frage, an wen Straßen erinnern, als wichtigen Teil des bewussten Umgangs mit Geschichte. Damit benannte Hamburg den geschichtspolitischen Charakter der Entscheidung offen.
Wels und Lafrenz sind jedoch keine neutralen Endpunkte der Geschichte. Ihre Auswahl folgt den erinnerungspolitischen Prioritäten des frühen 21. Jahrhunderts: demokratischer Widerstand, Opfer- und Verfolgungsgeschichte sowie eine stärkere Sichtbarkeit von Frauen. Das spricht für die Benennungen. Es macht sie aber nicht weniger zeitgebunden als die Entscheidung von 1926.
Die Abfolge darf deshalb nicht als Weg von Ideologie zu Wahrheit erzählt werden. Sie führt von einer Geschichtspolitik zu einer anderen – von einer militärisch-nationalen Heldenverehrung zu einer demokratischen Widerstandserzählung. Die zweite ist nach heutigen Maßstäben überzeugender. Historisch redlich wird sie erst, wenn sie die verdrängte erste Schicht sichtbar mitführt.


Hinzu kommt ein strukturelles Problem der kommemorativen Gerechtigkeit. Neue Namen können bislang übergangene Menschen sichtbar machen. Bei einer Umbenennung geschieht dies jedoch nicht auf einer freien Fläche: Anerkennung und Verdrängung fallen in einem einzigen Akt zusammen. Traute Lafrenz gewinnt einen Ort im Stadtplan; die Geschichte der Hindenburgstraße verliert ihren unmittelbaren Träger.
Plädoyer für zeitliche Demut
Eine demokratische Stadt kann belastete Ehrungen beenden. Sie sollte dabei jedoch mit der Möglichkeit rechnen, dass auch ihre eigene Geschichtspolitik einmal als zeitgebunden, einseitig oder verlustreich erkannt wird. Diese Haltung ließe sich als zeitliche Demut bezeichnen.
Zeitliche Demut verlangt keinen Verzicht auf Entscheidungen. Sie verlangt reversible und mehrschichtige Lösungen. Für Straßennamen könnte das bedeuten:
- Die amtliche Adresse darf sich ändern. Niemand muss gezwungen werden, eine politisch nicht mehr vertretbare Ehrung fortzuführen.
- Der frühere Name bleibt am Ort sichtbar. Nicht klein und beiläufig, sondern auf einem eigenständigen historischen Schild mit Zeitraum und Anlass der Benennung.
- Der Konflikt wird dokumentiert. Auch das Datum, die Begründung und die Kontroverse der Umbenennung gehören zur Straßenbiografie.
- Die neue Widmung wird als neue Schicht kenntlich. Sie ist eine demokratische Entscheidung ihrer Zeit, keine endgültige Bereinigung der Geschichte.
- Digitale Vertiefung ergänzt, ersetzt aber nicht den sichtbaren Befund. QR-Codes können zu Quellen, Karten und Beschlüssen führen; die historische Spur muss ohne Smartphone erkennbar bleiben.
An der heutigen Otto-Wels-Straße und Traute-Lafrenz-Straße könnte ein solches Schild knapp festhalten: 1926 als Hindenburgstraße und Hindenburgbrücke benannt; 2013 teilweise, 2025 vollständig umbenannt; ursprüngliche Widmung an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, dessen Ernennung Hitlers und Mitwirkung an der Ausschaltung der Demokratie eine weitere Ehrung unvertretbar erscheinen ließen.
Ein solches Zeichen würde Hindenburg nicht rehabilitieren. Es würde die Hamburger Hindenburgverehrung historisieren. Otto Wels und Traute Lafrenz blieben die amtlichen Namensgeber. Aber die Straße könnte wieder erzählen, dass die Stadt früher anders erinnerte – und dass auch das heutige Erinnern Geschichte werden wird.
Die bereinigte Stadt ist verführerisch. Sie verspricht eine öffentliche Landschaft, die mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmt. Doch eine Stadt ist kein Bekenntnistext. Sie ist ein Archiv aus Stein, Asphalt, Sprache und Gebrauch. Ihre historische Glaubwürdigkeit liegt nicht darin, nur das Richtige zu zeigen. Sie liegt darin, sichtbar zu lassen, dass frühere Generationen anderes für richtig hielten.
Hamburg hat mit der Hindenburgstraße eine Ehrung beendet. Ob es zugleich eine fast hundertjährige Quelle aus dem Alltag der Stadt entfernt hat, hängt nun davon ab, wie ernst die Stadt ihr eigenes Versprechen von der „Biografie der Straße“ nimmt.
Netz-Fundstücke
- Die Hamburger Straßennamen-Datenbank erschließt Benennungen und Namensgeber.
- Das Staatsarchiv erläutert, wie Hamburger Verkehrsflächen benannt werden.
- Das digitale Hamburger Adressbuch macht historische Straßenbezeichnungen als Quellen recherchierbar.
- Alois Riegls Der moderne Denkmalkultus ist vollständig digital zugänglich.
Quellen und Literatur
- Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Kultur und Medien: Hindenburgstraße wird in Traute-Lafrenz-Straße umbenannt, Pressemitteilung vom 23. Mai 2025.
- Bezirksamt Hamburg-Nord: Neue Straßenschilder für die Traute-Lafrenz-Straße enthüllt, 1. August 2025.
- Bezirksversammlung Hamburg-Nord: Umbenennung der Hindenburgstraße und -brücke sowie Aberkennung der Ehrenbürgerschaft, mit Chronologie seit 1917.
- Kommission zum Umgang mit NS-belasteten Straßennamen in Hamburg: Abschlussbericht mit Empfehlungen, Hamburg 2022, insbesondere S. 11–13 sowie die Anlage mit den in der NS-Zeit umbenannten Straßen.
- Deutscher Städtetag: Straßennamen im Fokus einer veränderten Wertediskussion, 2021.
- Deutsches Historisches Museum: Ernennung Hitlers zum Reichskanzler.
- Deutscher Bundestag: Otto Wels und seine Rede gegen das Ermächtigungsgesetz, 21. September 2023.
- Stadtpark Verein Hamburg: Hindenburgstraße umbenannt, 16. September 2013.
- Zweites Deutsches Fernsehen: Berliner Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt, 23. August 2025.
- Legal Tribune Online: Warum die Umbenennung der Mohrenstraße doch stattfand, zum Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg vom 22. August 2025, Az. OVG 6 S 70/25.
- Buchstaller, Isabelle/Alvanides, Seraphim: Commemorative city-texts: Spatio-temporal patterns in street names in Leipzig and Poznań, Language in Society, 2023.
- Rose-Redwood, Reuben S.: From number to name: symbolic capital, places of memory and the politics of street renaming in New York City, Social & Cultural Geography 9/4, 2008.
- Riegl, Alois: Der moderne Denkmalkultus. Sein Wesen und seine Entstehung, Wien/Leipzig 1903.
- Corboz, André: Le territoire comme palimpseste, in: Diogène 121, 1983, S. 14–35.
- Binder, Julia: Stadt als Palimpsest: Zur Wechselwirkung von Materialität und Gedächtnis, Berlin 2015.
- Weidner, Marcus: „Fragwürdige Ehrungen!? Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur“, in: Matthias Frese/Marcus Weidner (Hg.), Verhandelte Erinnerungen, Paderborn 2018.
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Tannenberg 1914 und Das Tannenberg-Denkmal.
- 1000 Schlüsseldokumente: Erklärung des Generalfeldmarschalls von Hindenburg vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, 18. November 1919.
- Bundesarchiv: Tag von Potsdam, 21. März 1933.
- Wikipedia: Tag von Potsdam, mit dem Zitat Heinrich August Winklers zur Legitimationsinszenierung.
- Sylt1: Warum Sylt den Hindenburgdamm aufgibt – und warum er trotzdem so heißen wird, 1. Juni 2026.
- Stadt Bad Tölz, Projektgruppe: Informationsweg Hindenburgstraße Bad Tölz, Beschluss vom 25. Juni 2013.
- Otto-von-Bismarck-Stiftung: Was tun mit Hindenburg?, 1. März 2019.
Redaktioneller Hinweis: Die Übertragung denkmalpflegerischer Kategorien auf Straßennamen ist eine argumentative Interpretation dieses Beitrags. Straßennamen sind keine Baudenkmäler im rechtlichen Sinne. Der Vergleich soll die Veränderlichkeit gegenwärtiger Werturteile sichtbar machen, nicht materielle Zerstörung und administrative Umbenennung gleichsetzen.
Bildnachweise
- Beitragsbild: Straßenschild der Otto-Wels-Straße in Winterhude mit dem erläuternden Zusatzschild zum Namensgeber, 22. September 2026. Foto: Klaus Weber, Medienbestand Hamburg History.
- Abbildung 1: Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler vor der Garnisonkirche Potsdam, 21. März 1933. Bundesarchiv, Bild 183-S38324, CC BY-SA 3.0 DE.
- Abbildung 2: Walter Firle, 1926. Wikimedia Commons, gemeinfrei (Public Domain).
- Abbildung 3: Der historische Schriftzug „Hindenburgbrücke“ am Geländer der 2025 in Traute-Lafrenz-Brücke umbenannten Alsterbrücke: „Hindenburg“ ist schwarz übersprüht, „Brücke“ zeigt die unveränderte Originalpatina, ohne Erläuterungstafel, 22. September 2026. Foto: Klaus Weber, Medienbestand Hamburg History.
- Abbildung 4: Otto Wels, 1912; Fotograf nicht genannt. Aus dem vom Bureau des Reichstages herausgegebenen Reichstags-Handbuch 1912. Bayerische Staatsbibliothek; Wikimedia Commons. Gemeinfrei: Originalband mit Public Domain Mark 1.0; Commons begründet die Kennzeichnung mit PD-Germany-§134.
- Abbildung 5: Straßenschild der Traute-Lafrenz-Straße in Alsterdorf mit dem erläuternden Zusatzschild zur Namensgeberin, 22. September 2026. Foto: Klaus Weber, Medienbestand Hamburg History.