Zum Inhalt springen

U-Bahnhof Hellkamp: Hamburgs stillgelegter Grenzbahnhof

6 Min. Lesezeit · Überarbeitet am 31. August 2026

Historische Aufnahme des Hamburger Hochbahnhofs Wagnerstraße von 1912: Glashalle über dem Bahnsteig, ein Zug fährt ein

Der Hochbahnhof Wagnerstraße (heute Hamburger Straße) im Eröffnungsjahr 1912, zwei Jahre vor Hellkamp. Von Hellkamp selbst ist keine frei lizenzierte Aufnahme überliefert.

Der U-Bahnhof Hellkamp in Hamburg verdankte seine Existenz einer Grenze. Weil Hamburg kurz hinter dem Bahnhof endete und Stellingen zu Preußen gehörte, blieb die U-Bahn hier fast 50 Jahre stehen. Als die Stadtgrenze ihre verkehrliche Bedeutung verloren hatte, ermöglichte ausgerechnet die ersehnte Verlängerung den Abriss der Station.

Ein Bahnhof als Folge einer Grenze

Als Hamburg 1912 seine Ringlinie eröffnete, war der Ausbau in die Stadtteile bereits vorbereitet. Am Schlump zweigte die neue Strecke nach Eimsbüttel ab. 1913 gingen Christuskirche und Emilienstraße in Betrieb, am 23. Mai 1914 folgten Osterstraße und Hellkamp.

Die neue Verbindung erschloss einen der bevölkerungsreichsten Stadtteile Hamburgs. Nach Angaben der Hamburger Hochbahn lebten damals etwa 120.000 Menschen in Eimsbüttel. Für sie entstand eine schnelle Verbindung zur Innenstadt und zu weiteren Arbeitsorten der Stadt.

Hellkamp lag unter dem Stellinger Weg und besaß wie Osterstraße einen Mittelbahnsteig. Der Zugang führte von der Straßenmitte hinab. Hinter dem Bahnhof lagen rund 120 Meter Kehr- und Abstellgleise: Hier konnten die Züge die Fahrtrichtung wechseln. Der Endpunkt war damit nicht nur eine betriebliche Entscheidung. Er war gebaute politische Geografie.

Hamburg hier, Preußen dort

Die Lage der Endstation erklärt sich aus einer Grenze, die heute im Stadtbild unsichtbar ist. Kurz hinter der Anlage endete damals das Hamburger Staatsgebiet. Stellingen gehörte zu Preußen. Für eine Weiterführung zum Tierpark Hagenbeck wäre deshalb eine politische Einigung mit dem Nachbarstaat nötig gewesen.

Preußen stimmte der geplanten Verlängerung nicht zu. Auch Carl Hagenbeck setzte sich vergeblich für einen Anschluss seines Tierparks ein. Erst das Groß-Hamburg-Gesetz beseitigte 1937 diese territoriale Hürde. Bis die U-Bahn tatsächlich weitergebaut wurde, vergingen jedoch noch fast drei Jahrzehnte.

Ein kleiner Bahnhof im Alltag des Viertels

Hellkamp war kein repräsentativer Großstadtbahnhof. Seine Bedeutung lag im täglichen Gebrauch. Treppe, Fahrkartenschalter und Mittelbahnsteig waren für viele Bewohnerinnen und Bewohner selbstverständliche Teile ihres Arbeitswegs.

Wie sich das anfühlte, ist vor allem durch Erinnerungen überliefert. Der 1929 geborene Eimsbütteler Georg Möller erzählte dem NDR, freitags hätten Frauen mit ihren Kindern die heimkehrenden Männer am Bahnhof abgeholt. An diesem Tag wurde häufig der Wochenlohn in bar ausgezahlt. Die Begrüßung an der Station sollte nach Möllers Erinnerung auch verhindern, dass ein Teil der Lohntüte gleich in einer nahen Gaststätte ausgegeben wurde.

Auch die Schilderungen von überfüllten Wagen, Arbeitskleidung und Tabakrauch stammen aus solchen persönlichen Rückblicken. Sie vermitteln keine Statistik des damaligen Verkehrs, aber einen anschaulichen Eindruck davon, wie eng U-Bahn, Hafenarbeit und Alltagsleben miteinander verbunden waren.

Eine politische Grenze machte Hellkamp zum Endbahnhof. Im Viertel wurde dieser erzwungene Endpunkt zu einem alltäglichen Ankunfts-, Begegnungs- und Wirtschaftsraum.

Längere Bahnsteige für längere Züge

Die U-Bahn wurde stark genutzt. Ab Mitte der 1920er-Jahre ließ die Hochbahn zahlreiche ursprünglich etwa 60 Meter lange Bahnsteige auf 90 Meter verlängern. Dadurch konnten statt vier oder fünf Wagen auch Züge mit sechs Wagen eingesetzt werden. In Hellkamp waren die Arbeiten 1929 abgeschlossen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten weitere Eingriffe. Anfang 1954 wurde der Bahnsteig erneut verlängert, der Zugang um ungefähr 20 Meter in Richtung Heußweg verschoben und die Tunneldecke für die Belastung durch den Straßenverkehr verstärkt. Dass noch zehn Jahre vor der Stilllegung investiert wurde, zeigt: Hellkamp war nicht lange im Voraus abgeschrieben.

Krieg, Schutzraum und Zerstörung

Während der Luftangriffe auf Hamburg suchten Menschen auch in den flach liegenden Stationen der Eimsbütteler Strecke Schutz. Dafür waren die Anlagen nicht als vollwertige Bunker gebaut. Die Folgen konnten tödlich sein: 1944 traf eine Bombe den Eingangsbereich der Station Christuskirche, in der Menschen Schutz gesucht hatten. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juli 1944 wurde auch die Station Emilienstraße schwer beschädigt.

Der U-Bahn-Tunnel im Bereich Hellkamp überstand den Krieg nach den vorliegenden Darstellungen vergleichsweise glimpflich. Das Viertel oberhalb der Strecke wurde dagegen schwer getroffen. Hellkamp lag nach Kriegsende in einer Stadtlandschaft, die sich durch Trümmerbeseitigung und Neubau stark veränderte.

Die überwundene Grenze besiegelte das Ende

Hellkamp verschwand nicht, weil Hamburg auf die U-Bahn verzichten wollte. Das Gegenteil war der Fall: Der Bahnhof musste weichen, weil die Strecke endlich nach Stellingen und zum Tierpark verlängert werden sollte. Darin liegt die historische Pointe des Ortes. Die Grenze, die Hellkamp hervorgebracht hatte, war verschwunden; der Ausbau über sie hinaus machte den alten Endbahnhof entbehrlich.

Zeitweise wurde erwogen, Hellkamp zu erhalten und zusätzlich eine Station am Brehmweg zu bauen. Dagegen sprachen die kurzen Abstände zwischen den Haltestellen und die für den weiteren Streckenverlauf ungünstige Lage des alten Endbahnhofs. Die Planer entschieden sich für eine neue Station einige hundert Meter nordwestlich: Lutterothstraße.

Im November 1963 begannen die Arbeiten am Tunnel in der Methfesselstraße. Hinter der bisherigen Kehr- und Abstellanlage wurde die neue Strecke in einer längeren Rechtskurve weitergeführt. Am 1. Mai 1964 endete der Betrieb in Hellkamp – wenige Wochen vor dem 50. Jahrestag seiner Eröffnung.

Ein Jahr lang Ersatzverkehr

Für den Umbau wurde nicht nur der alte Bahnhof geschlossen. Die gesamte Eimsbütteler Zweigstrecke ab Schlump ruhte rund ein Jahr. Busse übernahmen den Ersatzverkehr. Gleichzeitig modernisierte die Hochbahn weitere Stationen; Osterstraße erhielt anstelle des alten Mittelbahnsteigs zwei Seitenbahnsteige.

Am 30. Mai 1965 fuhren die Züge wieder bis zur neuen Station Lutterothstraße. Am 30. Oktober 1966 erreichten sie Hagenbecks Tierpark. Damit wurde eine Verbindung verwirklicht, über die bereits vor dem Ersten Weltkrieg diskutiert worden war.

Für einige Geschäfte am Stellinger Weg hatte die Verlagerung spürbare Folgen. Der frühere Betreiber einer Fischhandlung berichtete dem NDR von Umsatzeinbußen, nachdem die Laufkundschaft am Bahnhofseingang weggefallen war. Auch darin zeigt sich, wie sehr eine Haltestelle die Wege und die wirtschaftliche Geografie eines Quartiers prägt.

Was vom Bahnhof geblieben ist

An der Oberfläche erinnert kein historischer Eingang mehr an Hellkamp. Ein Notausstieg im Stellinger Weg verweist jedoch auf die Anlage unter der Straße. Aus einem fahrenden U2-Zug lassen sich weitere Spuren erkennen: Der Tunnel wird zwischen Osterstraße und Lutterothstraße kurz breiter, die Metallstützen stehen anders als im anschließenden Streckentunnel, und an den Wänden sind dunkel überstrichene Kacheln und Verzierungen auszumachen.

Ein vollständig erhaltener „Geisterbahnhof“ ist Hellkamp nicht. Der Bahnsteig wurde beseitigt und die Station nahezu vollständig zurückgebaut. Gerade das unterscheidet sie von stillgelegten Anlagen, die hinter verschlossenen Türen noch komplett vorhanden sind.

Der Kellerzugang, den es nicht gibt

Um den verschwundenen Bahnhof rankt sich das Gerücht, aus dem Keller einer benachbarten Gaststätte führe ein geheimer Zugang in den Tunnel. Die Geschichte klingt passend für einen vergessenen Ort, lässt sich aber nicht belegen. Der Hochbahn-Historiker Daniel Frahm stellte gegenüber dem NDR klar, dass ein solcher Zugang nicht existiert.

Von der Hellkamp-Linie zur U2

Während der Bahnhof verschwand, blieb sein Verkehrskorridor erhalten. Die Strecke wurde 1985 bis Niendorf Markt und 1991 bis Niendorf Nord verlängert. Die Liniennummer U2 gibt es seit 1966.

Wer heute von Osterstraße nach Lutterothstraße fährt, folgt damit noch immer der mehr als hundert Jahre alten Eimsbütteler Zweigbahn. Für wenige Sekunden öffnet sich der Tunnel, dunkle Fliesen ziehen am Fenster vorbei – dann verengt er sich wieder. Mehr ist vom Bahnhof Hellkamp während einer gewöhnlichen Fahrt kaum zu sehen.

Bildnachweise

Deine Gedanken zur Geschichte

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dein Kommentar wird vor der Veröffentlichung geprüft.