Ein Gebäude lässt sich Stein für Stein restaurieren. Bei einer historischen Baumreihe ist das unmöglich: Ihr Material lebt, wächst, erkrankt und stirbt. Die Ulmen an der Festwiese im Hamburger Stadtpark zeigen deshalb nicht nur die Geschichte einer Pflanzenkrankheit, sondern ein Grundproblem der Gartendenkmalpflege.
Ulmen im Stadtpark Hamburg: Bäume als Architektur
Wer heute vom Planetarium über die Festwiese blickt, erlebt eine der eindrucksvollsten Raumfolgen des Stadtparks: eine weite, offene Rasenfläche, eingefasst von Bäumen und auf die großen Sichtachsen des Parks bezogen. Diese Wirkung ist kein Zufallsprodukt. Der Stadtpark wurde als Volkspark geplant – als öffentlich nutzbarer Gegenentwurf zu repräsentativen Anlagen, die vor allem dem Sehen und Gesehenwerden dienten.
Fritz Schumacher und Gartenbaudirektor Otto Linne verstanden Wege, Wiesen, Baumreihen und Bauwerke als zusammengehörige Architektur. Die rund zwölf Hektar große Festwiese bildete darin einen bewusst leeren Raum. Für ihre Anlage mussten nach Angaben der Hamburger Umweltbehörde mehr als 60.000 Kubikmeter Boden von Hand bewegt werden. Erst der klare Rand gab dieser enormen Fläche Halt und Maßstab.
Die Einfassung bestand ursprünglich aus doppelten Ulmenreihen. Auf historischen Luftbildern ist dieser strenge, fast grafische Rahmen deutlich zu erkennen. Die Bäume waren also weit mehr als schmückendes Grün: Sie markierten die Grenze der Wiese, lenkten den Blick und übersetzten die städtebauliche Ordnung des Parks in lebendige Architektur.

1930: Die Krankheit erreicht den Rahmen
Schon Ende der 1920er-Jahre geriet die Pflanzung unter Druck. Der Jahresbericht des Hamburger Stadtpark-Vereins für 1930 nennt für den Rahmen der Hauptfestwiese 707 Ulmen. Sieben Bäume waren demnach bereits abgestorben und entfernt worden. Weitere 13 galten als stark, 27 als schwach befallen. Diese insgesamt 40 befallenen Exemplare wurden im vorausgegangenen Winter stark gekappt – offenbar in der Hoffnung, sie noch retten zu können.
Diese Zahlen zeigen, wie früh die Verantwortlichen das Problem erkannten – und wie begrenzt ihre Möglichkeiten waren. Befallene Bäume konnten zurückgeschnitten oder entfernt werden, doch eine verlässliche Heilung gab es nicht. Nach und nach verschwanden große Teile der ursprünglichen Ulmenfassung; zeitweise traten Linden an ihre Stelle.
Mit den Ulmen starben nicht einfach einzelne Bäume. Ein tragendes Bauteil der Parkarchitektur ging verloren – nur bestand dieses Bauteil aus lebendem Material.
Was hinter dem Ulmensterben steckt
Der geläufige Name „Holländische Ulmenkrankheit“ bezeichnet eine Gefäßerkrankung, die durch Pilze der Gattung Ophiostoma ausgelöst wird. Das Wort „holländisch“ beschreibt nicht die Herkunft des Erregers. Es erinnert daran, dass niederländische Wissenschaftlerinnen die Krankheit früh erforschten. Die geografische Herkunft der Erreger ist bis heute nicht abschließend geklärt.
Übertragen werden die Pilzsporen vor allem durch Ulmensplintkäfer. Wenn die Käfer an jungen Zweigen gesunder Bäume fressen, können sie den Erreger eintragen. Der Pilz breitet sich im wasserleitenden Gewebe aus. Zugleich versucht der Baum, die Infektion durch das Verschließen seiner Leitbahnen abzuwehren. Dadurch wird der Wassertransport gestört: Blätter vergilben, welken und vertrocknen, Äste sterben zurück.
Für die Geschichte der Festwiese ist die Unterscheidung zweier Epidemien wichtig. Die erste Welle wurde um 1910 in Nordwesteuropa beobachtet und durch Ophiostoma ulmi verursacht. In mehreren europäischen Ländern gingen bis zu den 1940er-Jahren erhebliche Teile der Ulmenbestände verloren. Eine zweite, deutlich aggressivere Epidemie breitete sich ab den 1960er-Jahren aus; ihr wichtigster Erreger ist Ophiostoma novo-ulmi. Die Schäden im Stadtpark der späten 1920er- und 1930er-Jahre gehören somit zur ersten Welle.

Krieg und Nachkriegszeit überlagern den Park
Die verlorene Baumfassung war nicht die einzige Veränderung. Während der nationalsozialistischen Herrschaft diente die Festwiese auch Aufmärschen und Großveranstaltungen. Im Krieg wurde der Stadtpark von Bomben getroffen, mehrere seiner bedeutenden Gebäude gingen verloren. Nach 1945 standen auf der Festwiese Nissenhütten für Ausgebombte und Geflüchtete. Erst 1951 wurden diese Notunterkünfte abgebaut; zur Internationalen Gartenschau 1953 konnte die Fläche wieder als Grünanlage genutzt werden.
Damit lagen auf der Wiese verschiedene historische Schichten übereinander: die ursprüngliche Volksparkidee, der Verlust der Ulmen, politische Vereinnahmung, Kriegszerstörung und pragmatische Nachkriegsnutzung. Die geometrische Klarheit der frühen Anlage war vielerorts nur noch in Plänen und Fotografien ablesbar.
Keine Kopie des alten Parks
1995 erarbeitete Hamburg ein Parkpflegewerk für den Stadtpark. Es sollte historische Quellen, den gewachsenen Bestand und die Anforderungen der Gegenwart zusammenführen. Ziel war nicht, den Park auf einen vermeintlich ursprünglichen Zustand zurückzusetzen. Vielmehr sollten seine gestalterischen Grundideen wieder verständlich werden, ohne die später entstandenen Qualitäten zu zerstören.
Bei der Festwiese führte dieses Prinzip 2006 zur Wiederherstellung der Ulmenpflanzung. Nach einer Hamburger Fachpublikation wurden im Winter 2005/06 insgesamt 131 Ulmen der Sorte Ulmus ‘New Horizon’ gepflanzt. Die Sorte ist eine Kreuzung aus Japanischer und Sibirischer Ulme (Ulmus davidiana var. japonica × Ulmus pumila) und wurde wegen ihrer hohen Widerstandsfähigkeit gegen die Holländische Ulmenkrankheit ausgewählt.
Die Rekonstruktion blieb bewusst unvollständig: Statt der ursprünglichen doppelten Allee entstand eine einfache Reihe; in einzelnen Bereichen wurde sogar auf Pflanzungen verzichtet. So konnten wertvolle Baumgruppen und Solitärbäume aus der Nachkriegszeit erhalten bleiben. Die Entscheidung beantwortete die Frage nach dem „Original“ nicht mit einem festen Jahresstand, sondern mit einem lesbaren Nebeneinander verschiedener Zeitschichten.
Gerade diese Abweichung macht den heutigen Rand der Festwiese interessant. Er ist keine Kopie des frühen Stadtparks, sondern ein denkmalpflegerischer Kompromiss. Die neue Reihe lässt die frühere Ordnung wieder erkennen und zeigt zugleich, dass ein Park ein lebendiges Denkmal ist: Bäume wachsen, erkranken und verschwinden – jede Generation muss entscheiden, wie sie mit den entstandenen Zeitschichten umgeht.
2025: Krankheitszeichen in der rekonstruierten Reihe
Im September 2025 dokumentierte das Bezirksamt Hamburg-Nord einen neuen Befund unmittelbar an der Festwiese. Eine Ulme mit einem Stammdurchmesser von 32 Zentimetern war am Absterben und zeigte Symptome der Ulmenkrankheit. Zusätzlich sollten einige kleinere Ulmen im direkten Umfeld entfernt werden. Die kurzfristige Entnahme und fachgerechte Entsorgung des Schnittguts sollte den Befallsdruck durch Ulmensplintkäfer auf die übrigen Bäume verringern.
Die Mitteilung bezeichnet die Pflanzung als eine Reihe von 133 Exemplaren Ulmus ‘New Horizon’. Eine Hamburger Veröffentlichung hatte für den Winter 2005/06 dagegen 131 gepflanzte Bäume genannt. Ob später Bäume ergänzt wurden, unterschiedlich gezählt wurde oder eine der Angaben ungenau ist, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht klären.
Der einzelne Fall beweist nicht, dass die Züchtung ihre Widerstandsfähigkeit verloren hat. Hohe Resistenz bedeutet keine vollständige Immunität. Bemerkenswert ist dennoch, dass das Bezirksamt das tatsächliche Ausmaß der Resistenz solcher Resista-Ulmen als fachlich noch nicht abschließend geklärt bezeichnete. Zugleich sah die Behörde im Rahmen des seit 2003 bestehenden Hamburger Ulmenprogramms Anzeichen für einen erneuten Krankheitsschub. Auch diese Einschätzung ist vorsichtig formuliert: Einen konkreten Laborbefund zum beteiligten Ophiostoma-Erreger nennt die Vorlage nicht.
Die historische Form ließ sich rekonstruieren, ihre biologischen Voraussetzungen aber nicht konservieren. Die neue Ulmenreihe bleibt ein lebendes Denkmal – und damit dauerhaft auf Beobachtung, Pflege und schnelles Eingreifen angewiesen.
Was heute noch zu sehen ist
Die jungen Ulmen können die monumentale Wirkung der früheren Doppelreihen noch nicht vollständig erreichen. Dennoch geben sie der Festwiese wieder einen lesbaren Rand. Wer den umlaufenden Weg entlanggeht, erkennt den Wechsel zwischen streng gesetzter Reihe, älteren Einzelbäumen und freieren Gruppen.

So erzählt die Einfassung eine ungewöhnlich dichte Geschichte: von moderner Parkplanung und öffentlichem Grün, von einer europaweiten Baumkrankheit und von den Möglichkeiten und Grenzen heutiger Gartendenkmalpflege. Der Befund von 2025 führt diese Geschichte bis in die Gegenwart. Die Ulmen sind damit nicht bloß Bestandteil der Bepflanzung. Sie machen sichtbar, wie verletzlich selbst eine scheinbar dauerhafte Stadtlandschaft bleibt.
Quellen und Literatur
- Freie und Hansestadt Hamburg: Hamburger Stadtpark – Parkgeschichte, Parkpflegewerk und Eckdaten.
- Freie und Hansestadt Hamburg: Die große Wiese im Hamburger Stadtpark – Planung und Nutzungsgeschichte der Festwiese.
- Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Hamburg: Hamburger Stadtpark 1914–2014, Hamburg 2014 – Wiederherstellung der Ulmenpflanzung 2006.
- Hamburger Stadtpark-Verein: Jahresbericht 1930 – zeitgenössische Bestands- und Schadenszahlen zur Ulmenfassung der Hauptfestwiese.
- Forest Research: Dutch elm disease – Erreger, Übertragung, Symptome und historische Epidemien.
- Stadtpark Verein Hamburg: Die Geschichte des Stadtparks.
- Förderverein Schulbiologiezentrum Hamburg: Lynx 2023, S. 7 – Pflanzung von 131 ‘New Horizon’-Ulmen im Winter 2005/06.
- Bezirksamt Hamburg-Nord: Mitteilungsvorlage 22-1265, beraten am 8. September 2025 – Krankheitsbefund und Bestand von 133 ‘New Horizon’-Ulmen.
- Freie und Hansestadt Hamburg: Hamburger Ulmenprogramm – Monitoring, Sanierung und Neupflanzungen seit 2003.
- Royal Horticultural Society: Ulmus ‘New Horizon’ – Abstammung und Widerstandsfähigkeit der Sorte.
Bildnachweise
- Beitragsbild: Klaus Weber / Hamburg History.
- Abbildung 1: Historische Luftaufnahme der Festwiese im Hamburger Stadtpark mit der doppelreihigen Ulmeneinfassung. Medienbestand Hamburg History.
- Abbildung 2: Garrett Taylor. Wikimedia Commons, CC0 1.0.
- Abbildung 3: Iurieph. Wikimedia Commons, CC0 1.0.