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Oberleitungsrosetten in Hamburg: Die Straßenbahn an der Hauswand

8 Min. Lesezeit

Schmiedeeiserne, grün gestrichene Oberleitungsrosette in Kreuzform an einer Backsteinwand, Nahaufnahme im Querformat

Eine Oberleitungsrosette am Haus der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke in der Hamburger Altstadt. Der Fahrdraht, den sie hielt, ist seit 1978 abgenommen.

An Hamburger Altbauten sitzen gusseiserne Scheiben, meist in Höhe des ersten Obergeschosses, oft überstrichen in der Farbe der Fassade. Sie halten nichts mehr. Bis 1978 hielten sie den Fahrdraht der Straßenbahn – und weil sich ihre Ornamente unterscheiden, lässt sich an ihnen teilweise ablesen, wer in dieser Straße einmal gefahren ist.

Ein Eisenteil, das nichts mehr hält

Die Scheibe ist rund oder oval, meist zwischen zwanzig und dreißig Zentimetern groß, und sie sitzt dort, wo an einem Haus sonst nichts sitzt: über den Fenstern des Erdgeschosses, manchmal über einer Durchfahrt. Wer sie einmal bemerkt hat, findet sie in vielen Altbaustraßen wieder.

Technisch besteht sie aus einer Grundplatte, die mit meist vier Schrauben in der Wand steckt, und zwei angegossenen Lagerböcken, die einen senkrechten Bolzen aufnehmen. Andernorts saß darauf eine drehbare Trommel; in Hamburg verwendete man drehbare Metallzungen. In sie wurden die Gabeln für die Abspannseile eingeschraubt, an denen der Fahrdraht hing.

Gusseiserne Oberleitungsrosette mit Blattornament an einer Hausfassade in Hamburg-Ottensen
Abbildung 1 Eine Rosette an der Ottenser Hauptstraße 43. Der Fotograf ordnet die Form der Hamburg-Altonaer Centralbahn-Gesellschaft zu.

Verwechseln lässt sie sich mit den Wandhaken der Straßenbeleuchtung, die ähnlich aussehen. Der Unterschied ist die Masse: Eine Rosette musste nicht nur das Gewicht der Leitung tragen, sondern auch deren Schwingungen. Hamburg fuhr bis zum letzten Tag mit Rollenstromabnehmern, als einziger Betrieb in Deutschland – eine Rolle, die von unten gegen den Draht gedrückt wurde und ihn bei jedem Wagen in Bewegung versetzte.

Warum die Leitung an die Häuser kam

Am 5. März 1894 nahm die Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft auf einer Ringlinie durch die Innenstadt den elektrischen Betrieb auf. Bis zum 11. Dezember 1898 war die Umstellung im inneren Stadtgebiet mit dem Altonaer Ring abgeschlossen. Der Strom kam über den Fahrdraht, mit einer Nennspannung von 500 Volt. In breiten Straßen hing er an Masten. In engen Straßen war dafür kein Platz – dort ging er an die Häuser.

Dazu kam ein zweiter Grund, der weniger mit Technik zu tun hat: Masten kosteten mehr als Rosetten. Und ein dritter, der in den Darstellungen ausdrücklich genannt wird: Die Verankerung sollte verborgen werden, damit der Befestigungspunkt ein gefälligeres Aussehen hatte. Man griff dafür auf die Formensprache der Architekturornamentik zurück; daher der Name. Spätere Jahrgänge wurden schlichter, am Ende genügte ein glatter Wandhaken.

Was sich in den zugänglichen Quellen nicht findet, ist die Antwort auf die naheliegende Frage: Wie war das mit den Hauseigentümern geregelt? Ob es Verträge gab, eine Entschädigung oder eine Duldungspflicht, ist weder in der Literatur zur Hamburger Straßenbahn noch in den Sammlungen dokumentiert, die den Bestand erfassen. Zeitgenössische Bau-, Konzessions- oder Unternehmensakten könnten hier weiterführen.

Fünf Formen – Spuren verschiedener Gesellschaften

Die Rosetten sind technisch ähnlich, unterscheiden sich aber in ihren Ornamenten. Für Hamburg sind fünf Formen dokumentiert, die verschiedenen Straßenbahngesellschaften beziehungsweise den an ihrer Elektrifizierung beteiligten Unternehmen zugeordnet werden. Der Unterschied geht also nicht auf den Geschmack der Gießerei zurück.

Das ist der Grund, warum sich an einem Stück Eisen Unternehmensgeschichte ablesen lässt. Hamburgs Straßenbahn war lange kein Netz, sondern ein Nebeneinander: 1866 begann die Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft, 1880 kam die Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft dazu, dann die Hamburg-Altonaer Trambahn-Gesellschaft, die Große Hamburg-Altonaer Straßenbahn, die Hamburg-Altonaer Centralbahn und die Elektrische Bahn Altona–Blankenese. Erst ab 1918 zog die Hochbahn die Linien zusammen; die letzte Pferdebahn fuhr am 27. Dezember 1922.

Die Zuordnung der Formen zu den Gesellschaften stammt aus der Dokumentation privater Sammler. Sie ist der einzige Schlüssel, der für Hamburg vorliegt – und derzeit nicht abrufbar: Die Seite, auf die sich auch das Standardlexikon beruft, liefert seit einiger Zeit nur noch die Fehlermeldung eines Dateiservers. Wer die Zuordnung nachprüfen will, ist auf die Sammlungen selbst angewiesen.

Fassade eines Etagenhauses in Hamburg-Hoheluft-West, links über der Durchfahrt eine Wandrosette
Abbildung 2 Gärtnerstraße 30 in Hoheluft-West: Die Rosette sitzt links über der Durchfahrt. In dieser Höhe und an dieser Stelle ist zu suchen, wer sie finden will.

Wo sie hängen geblieben sind

Nach der Stilllegung wurde der Draht abgenommen, die Verankerung nicht. Das Entfernen hätte Geld gekostet und die Fassade beschädigt; es unterblieb. Für 2007 wird ein Bestand von rund 600 Rosetten angegeben, vor allem in der Innenstadt, in Eppendorf und in Altona. Eine systematische Zählung steht hinter dieser Angabe nicht; sie geht auf eine Auflistung von Verkehrshistorikern zurück.

Zwei Fälle zeigen, wie weit die Haltbarkeit über die Nutzung hinausreicht. An der Waterloostraße in Eimsbüttel endete der Straßenbahnverkehr 1943, an der Arnoldstraße 22 in Ottensen bereits 1923. An beiden Häusern hängen die Teile noch – in Ottensen mehr als hundert Jahre, nachdem der letzte Wagen vorbeigefahren ist.

Reste einer Oberleitungsrosette an der Arnoldstraße 22 in Hamburg-Ottensen
Abbildung 3 Arnoldstraße 22 in Ottensen: Erhalten ist nur noch der Rest. Der Verkehr auf dieser Strecke endete 1923.

Andere Standorte hängen an der Betriebsgeschichte einzelner Strecken. Am Goldbekplatz in Winterhude ging 1919 eine Kehrschleife in Betrieb; an den Häusern Semperstraße 6 und 8, die den Platz nach Süden begrenzen, waren die Rosetten im Februar 2004 noch vorhanden. In der Innenstadt sitzt eine an der Trostbrücke 6, am Haus der Patriotischen Gesellschaft, eine weitere an einem Kontorhaus Bei den Mühren.

Der Mast steht in der Denkmalliste, die Rosette nicht

An der Königstraße in Altona stehen Oberleitungsmasten der Zentralbahn von 1896. Sie stehen in der Hamburger Denkmalliste, mit eigener Nummer, eigener Typbezeichnung und Datierung. Auch zwei Bahnschuppen des Straßenbahndepots Lokstedt von 1924 sind eingetragen.

Das Wort Rosette kommt in derselben Liste kein einziges Mal vor. Als eigenständige Denkmäler sind die Rosetten in Hamburg nicht erfasst. Ihr Schutz kann deshalb davon abhängen, ob das Haus, an dem sie sitzen, selbst unter Denkmalschutz steht – und wie weit dieser Schutz die Fassade einschließt.

Was daraus folgt, lässt sich an einer Adresse ablesen. In der Maria-Louisen-Straße 96 in Winterhude war 2004 eine Rosette dokumentiert; 2025 hielt der Bestandsaufnehmer fest, dass das Haus nun ohne sie dasteht. Das Nachbarhaus Nummer 98, an dem eine Öse saß, wurde 2022 oder früher abgerissen. Wie viele der rund 600 Rosetten von 2007 heute noch hängen, ist nicht veröffentlicht.

Oberleitungsrosette an einem Wohnhaus in der Waterloostraße in Hamburg-Eimsbüttel
Abbildung 4 Waterloostraße in Eimsbüttel. Der Straßenbahnverkehr endete hier 1943.

Wie das Netz verschwand

Das Ende war eine Entscheidung, kein Verfall. Bereits 1909 umfasste das Netz 167,17 Kilometer. Seine größte Ausdehnung der Nachkriegszeit erreichte es am 17. Mai 1955. Ende der 1950er Jahre beschloss der Senat, künftig in Schnellbahnen und Buslinien zu investieren und die Straßenbahn schrittweise abzubauen; 1957 wurden die letzten neuen Wagen in Betrieb genommen. In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1978 fuhr die Linie 2 zum letzten Mal, seit dem 2. Oktober 1978 ist Hamburg ohne Straßenbahn.

Übrig geblieben sind wenige Meter Gleis an Stellen, an denen der Ausbau sich nicht lohnte, Pflasterspuren in Großsteinstraßen, Masten, die heute die Straßenbeleuchtung tragen, Busspuren, die den großen Kurvenradien der alten Gleise folgen – und die Rosetten. Unter diesen Überbleibseln gehören sie zu den wenigen, an denen sich sogar ablesen lässt, welches Unternehmen hier einmal gefahren ist.

Quellen und Literatur

Primärquellen und amtliche Unterlagen

  • Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt: Denkmalliste nach § 6 Absatz 1 Hamburgisches Denkmalschutzgesetz (PDF). Eintrag ID 14960, „Oberleitungsmasten der ‚Zentralbahn‘“, Typ Oberleitungsmast, Datierung 1896, Königstraße südlich der Straße auf Höhe von Nr. 20 bis Nr. 32; Straßenbahndepot Lokstedt, Alte Kollaustraße 44 und 46, 1924. Eine Volltextsuche nach „Rosette“ bleibt in der gesamten Liste ohne Treffer.
  • Freie und Hansestadt Hamburg: Hamburger Straßenbahn – Überblicksdarstellung der Stadt. Sie datiert den Senatsbeschluss zugunsten von Schnellbahnen und Bussen auf 1957; die verkehrshistorische Darstellung nennt 1958. Der Beitrag nennt deshalb keine Jahreszahl, sondern das Ende der 1950er Jahre.

Bestandsaufnahmen

  • Rüdiger Fredrik: Spuren der Straßenbahnen in Hamburg, Teil 4 – Semperstraße 6 und 8, Kehrschleife Goldbekplatz, Maria-Louisen-Straße 96 und 98 mit Nachtrag vom 11. Juli 2025, St. Benedictstraße 46, Hofweg 104. Eine über Jahrzehnte fortgeschriebene Feldaufnahme mit datierten Einzelbefunden.
  • Auflistung des Vereins Verkehrsamateure und Museumsbahn e. V., Hamburg – Grundlage der verbreiteten Bestandsangabe von rund 600 Rosetten für 2007.

Nachschlagewerke

  • Oberleitungsrosette – Aufbau, Bauformen, die Hamburger Metallzungen, Arnoldstraße und Waterloostraße.
  • Straßenbahn Hamburg – Gesellschaften und Zeiträume, Beginn des elektrischen Betriebs am 5. März 1894, Fahrdrahtspannung, Rollenstromabnehmer, Netzlängen, Betriebsende 1978. Die Angaben zu 1894 sind dort aus dem Beitrag Aus sechs wird eins im Straßenbahn Magazin, Heft 9/2019, belegt.

Weiterführende Literatur

Diese Werke sind die Standardliteratur zur Hamburger Straßenbahn. Dort – und nicht im Netz – wäre zu belegen, welche der fünf Rosettenformen zu welcher Gesellschaft gehört.

  • Horst Buchholz: Die Hamburger Straßenbahn. Entwicklung des Liniennetzes 1866–1978, Verein Verkehrsamateure und Museumsbahn e. V., Hamburg 2008.
  • Hermann Hoyer: Die Hamburger Straßenbahn. Der Wagenpark, Bände 1–3, ebenda 1977, 1978 und 1994.
  • Dieter Höltge, Michael Kochems: Straßen- und Stadtbahnen in Deutschland, Band 11: Hamburg, EK-Verlag, Freiburg 2008.

Onlinequellen abgerufen am 18. September 2026.

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