In Hamburgs Park Planten un Blomen, zwischen den Schaugewächshäusern und dem Campus der Bucerius Law School sind am Fuß der Wallkante einige vermauerte Öffnungen zu erkennen. Sie gehören zu einem unvollendeten Stollenbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Bauwerk ist aus dem Parkbild nahezu verschwunden – im Untergrund und in der heutigen Stadtplanung ist es jedoch weiterhin vorhanden.
Der Stollenbunker in Hamburgs Parklandschaft
Planten un Blomen erscheint heute als Gegenwelt zur dichten Innenstadt: Blumenbeete, Wasseranlagen, alte Bäume und Spazierwege bestimmen das Bild. Genau dieser Eindruck macht den Bunker bemerkenswert. Er steht nicht frei und monumental wie der ehemalige Flakturm auf dem Heiligengeistfeld. Seine wichtigste Schutzschicht war der vorhandene Boden. Der Bau wurde in eine ältere Topografie hineingetrieben, die selbst schon Geschichte trägt.
Der Park liegt auf Teilen des ehemaligen Hamburger Festungsrings. Zwischen 1616 und 1625 entstanden Bastionen, Wälle und Gräben; ab 1820 wurden Abschnitte der aufgegebenen Befestigung unter Leitung des Gartenkünstlers Isaak Altmann in einen grünen Promenadenring verwandelt. Mehr als ein Jahrhundert später nutzten die Planer des Luftschutzbaus erneut die massive Wallkante – diesmal nicht zur Verteidigung einer ganzen Stadt, sondern als Deckung für Schutzstollen.
So liegen an diesem Ort mindestens drei historische Schichten übereinander: die frühneuzeitliche Befestigung, der bürgerliche Park des 19. Jahrhunderts und die unterirdische Kriegsarchitektur des 20. Jahrhunderts. An der Oberfläche lässt sich dieser Zusammenhang kaum noch ablesen.
Die zugemauerten Eingänge
Wer von den Schaugewächshäusern die Treppen zum tiefer liegenden ehemaligen Stadtgraben hinuntergeht, findet die deutlichsten Spuren. Mehrere vermauerte Zugänge sitzen am Fuß der Böschung. Oberhalb liegt der Campus der Bucerius Law School auf dem Gelände der früheren Botanischen Institute.

Ein 2006 angebrachtes Hinweisschild machte die Anlage vor Ort wieder kenntlich. Der dort wiedergegebene Lageplan bildet auch die Grundlage für viele später veröffentlichte Angaben. Das ist wichtig für ihre Bewertung: Zahlen zu Länge und Fassungsvermögen beschreiben teilweise Planungen und dürfen nicht ohne Weiteres als tatsächlich fertiggestellter Bestand gelesen werden.
Stollen statt Betonblock
Der Bau gehört nicht zum Typ des oberirdischen Hochbunkers. Bei einem Stollenbunker übernehmen Hang und Erdreich einen wesentlichen Teil der Schutzwirkung. Die Gänge wurden bergmännisch in den Boden vorgetrieben und anschließend mit vorgefertigten Betonelementen gesichert. Dieses Verfahren passte zur Böschung des ehemaligen Wallgeländes und ließ den Bau von außen vergleichsweise unauffällig erscheinen.
Für den Bau von Luftschutzstollen sprach auch der vergleichsweise geringe Bedarf an Baustoffen und Arbeitskräften. Im Juli 1943 wurden dafür eigene Bauvorschriften veröffentlicht.
Die Arbeiten begannen 1944, in einer Phase, in der Hamburg bereits schwer durch alliierte Luftangriffe getroffen worden war. Das erhaltene Baustellenbild zeigt, dass die Anlage noch während des Krieges ausgebaut wurde.

Planung und Wirklichkeit auseinanderhalten
Nach dem Hinweisschild und der bisher verwendeten Fachliteratur sollte das Stollensystem eine Gesamtlänge von etwa 1.100 Metern erreichen und zunächst bis zu 2.000 Menschen aufnehmen. Eine Erweiterung unter der damaligen Musikhalle und in Richtung des heutigen Messegeländes hätte die Kapazität auf bis zu 4.000 Schutzplätze erhöhen sollen.
Diese großen Zahlen vermitteln leicht den Eindruck einer fertiggestellten Anlage. Tatsächlich blieb das Projekt unvollendet. Die Erweiterung wurde nicht gebaut, und auch der vorhandene Teil war bei Kriegsende nicht in dem vorgesehenen Endzustand. In den bisherigen Darstellungen wird der Bunker als nicht in Betrieb genommen beschrieben. Ohne die zugrunde liegenden Bau- und Luftschutzakten lässt sich allerdings nicht für jeden Stollenabschnitt sicher bestimmen, wie weit er ausgeführt und zeitweise nutzbar war.
Der sichtbare Rest erzählt deshalb nicht nur von einem Bunker, sondern auch von einer abgebrochenen Planung: Ein weit größeres Schutzsystem war vorgesehen, als im Untergrund schließlich entstand.
Wie der Bunker aus dem Parkbild verschwand
Nach 1945 standen Parkgestaltung und zivile Nutzung des Geländes im Vordergrund. Im Zusammenhang mit der Internationalen Gartenbauausstellung 1963 wurden Zugänge und Lüftungsöffnungen verfüllt oder vermauert. Der bisherige Artikel nannte an dieser Stelle irrtümlich eine „Internationale Gartenbauausstellung 1962“. Richtig ist: Die IGA wurde 1963 eröffnet; vorbereitende Arbeiten können bereits im Vorjahr erfolgt sein.
Das Verschließen der Öffnungen beseitigte die Anlage nicht, nahm ihr aber ihre Präsenz im öffentlichen Raum. Über dem Relikt entstand beziehungsweise verfestigte sich das Bild eines modernen Freizeit- und Ausstellungsgartens. Planten un Blomen trägt damit auch eine typische Nachkriegsschicht: Kriegsreste wurden nicht immer als historische Zeugnisse inszeniert, sondern häufig gesichert, überformt und dem Blick entzogen.
Der Untergrund bleibt Teil der Stadtplanung
Ganz verschwunden ist der Bunker bis heute nicht. Beim Bau des heutigen Helmut-Schmidt-Auditoriums der Bucerius Law School wurden 2002/03 Teile der Anlage aus statischen Gründen mit Beton verplombt. Auch aktuelle amtliche Unterlagen behandeln den Stollen weiterhin als vorhandenen baulichen Bestand.
Die Begründung zum Bebauungsplan Neustadt 51/St. Pauli 46 hält fest, dass sich unter dem Grundstück der Bucerius Law School eine Bunkeranlage aus dem Zweiten Weltkrieg befindet. Sie lokalisiert den Hauptzugang südlich des Campus in der Wallkante zum Alten Botanischen Garten. Ein zugehöriger Freianlagenplan verweist außerdem auf einen Vermesserplan des Bunkers.
Damit ist die Anlage ein offener Fall der Stadtgeschichte. Obwohl sie nicht zugänglich und an der Oberfläche weitgehend unsichtbar ist, muss sie bei neuen Planungen berücksichtigt werden. Der Krieg wirkt hier nicht nur als Erinnerung fort, sondern ganz materiell: als Hohlraum, Baugrund und statische Randbedingung.
Was vor Ort noch zu entdecken ist
Eine Besichtigung des Inneren ist nicht möglich. Die Anlage sollte aus Sicherheitsgründen auch nicht eigenmächtig betreten werden. Die vermauerten Öffnungen lassen sich jedoch von öffentlichen Parkwegen aus betrachten. Zusammen mit der Böschung und dem tiefer liegenden ehemaligen Stadtgraben machen sie verständlich, warum gerade dieser Ort für einen Stollenbau gewählt wurde.
Wer nur auf die Maueröffnungen schaut, sieht zunächst wenig. Wer die Topografie mitliest, erkennt dagegen ein Stück Hamburger Stadtgeschichte: Ein Wall, der im 17. Jahrhundert der Verteidigung diente, wurde im 19. Jahrhundert zum Park und im Zweiten Weltkrieg erneut zum Schutzraum. Heute liegen all diese Funktionen in derselben Landschaft übereinander.
Quellen und Literatur
- Freie und Hansestadt Hamburg: Begründung zum Bebauungsplan Neustadt 51/St. Pauli 46, besonders die Angaben zur Bunkeranlage unter dem Grundstück der Bucerius Law School.
- Bezirksamt Hamburg-Mitte: Planten un Blomen – Grüner Wallring, zur Geschichte der Wallanlagen und der IGA 1963.
- Hamburger Denkmalstiftung: Planten un Blomen, zur Gartendenkmalgeschichte und den Gartenbauausstellungen.
- Helga Schmal/Tobias Selke: Bunker. Luftschutz und Luftschutzbau in Hamburg. Hrsg. vom Denkmalschutzamt Hamburg. Hans Christians Verlag, Hamburg 2001 (Themen-Reihe, Bd. 7), S. 45 zum Baustoff- und Arbeitsaufwand sowie zu den Bauvorschriften für Luftschutzstollen; S. 46, Abb. 24: „Baustelle des Stollens Botanischer Garten“. ISBN 3-7672-1385-0.
- Ulrich Alexis Christiansen: Hamburgs dunkle Welten. Der geheimnisvolle Untergrund der Hansestadt. Berlin 2015.
- Ronald Rossig: Hamburgs Bunker. Dunkle Welten der Hansestadt. Berlin 2015.
- Hinweistafel am Stollenbunker in Planten un Blomen, aufgestellt 2006.
Bildnachweise
- Beitragsbild: Hamburg History, Medienbestand. Urheber und Aufnahmedatum nicht dokumentiert.
- Abbildung 1: Hamburg History, Medienbestand. Urheber und Aufnahmedatum nicht dokumentiert.
- Abbildung 2: Bildarchiv des LMZ Hamburg.
??? still exist?
Yes, the bunker still exists, but it is sealed.